In Velo Veritas 2019

Schon als Kind wurde mir eingeschärft, dass man bei Gewitter besser nicht auf einem Fahrrad sitzt. Dass eines aus Stahl dabei noch weniger vorteilhaft ist, war damals obsolet. Die klassischen Rennräder um mich herum, mittendrin bei der In Velo Veritas, sind das natürlich auch, nur scheine ich gerade der einzige zu sein, den das bekümmert. Fast gleichzeitig bohren sich zwei krelle Blitze senkrecht in den Bergrücken vor mir. Eins, zwei… und schon brüllt der Donner gegen das Prasseln des Regens an…

Die InVeloVeritas in Poysdorf

Am Samstag Nachmittag komme ich bei Sonnenschein und gut 35 Grad Hitze in Poysdorf im österreichischen Weinviertel an. Checke gemütlich am örtlichen Campingplatz ein, der auch in Stoßzeiten immer sauber bleiben wird, und treffe wenig später bereits die ersten Bekannten im Zielbereich der Poysdorfer Gstettn. Im Schatten der Bäume lässt sich prima parlieren und die Vorfreude teilen.

Mit dem Rad geht es dann ein paar Kilometer weiter zu einem kleinen Zeitfahren im Nachbarort, bei dem sich schon einmal richtig warm fahren kann, wer will. Ich möchte es gerade nicht, mir ist auch so schon heiß genug.

IVV 2019 Zeitfahrrad
Das Zeitfahren am Vortag bot die Möglichkeit zum Einsatz besonderer Rennrad-Klassiker.

Der Einstieg in ein tolles Klassiker-Wochenende verläuft also denkbar entspannt. Das unterscheidet die In Velo Veritas von der großen Schwester, der Eroica in der Toskana. Und das ist es auch, was mir hier im Weinviertel so gut gefällt. Dennoch ist es keineswegs so, dass hier an diesem Wochenende nichts los wäre. Das Programm ist umfangreich und das Teilnehmerfeld wirkt sogar deutlich größer als noch im Vorjahr in Retz, allerdings habe ich mich nicht genau danach erkundigt, und in Retz war die Veranstaltung auch etwas weitläufiger. Dennoch, die In Velo Veritas wächst, und das zu Recht.

Poysdorfer Gestetten, Start- / Ziel- und Treffpunkt der IVV 2019.
Poysdorfer Gstettn, Start-, Ziel- und Treffpunkt der InVeloVeritas 2019.

Radfahren im Gewitter

Schon für den Vorabend und die kommende Nacht sind erste Gewitter prognostiziert, sie bleiben zunächst jedoch aus. „Eh klar“, wie mir einige gestandene IVV-Veteranen versichern, bei der In Velo Veritas seien sie noch immer trocken ins Ziel gekommen, egal was vorhergesagt war.

Und viele schafften das auch dieses Jahr. Sie waren einfach immer da, wo gerade kein Gewitter durchzog. Vor allem die Teilnehmer der langen 210er Runde waren dem Gewitter wohl immer eine Reifenbreite voraus, Wetterglück wem Wetterglück gebührt.

IVV 2019: Blick von der Ruine Falkenstein.
Blick von der Ruine Falkenstein (Labe 1) – rechts davon braut sich was zusammen.

Vielleicht ist es der Optimismus der anderen Teilnehmer, der mich unterwegs ignorieren lässt, was mein Verstand mir sagt: „Unterstand suchen und abwarten, wohin die Gewitterwand zieht“. Doch ich fahre weiter auf eine bleigraue Wand zu, in der schon jetzt immer wieder Blitze im fiesen ZickZack dem Boden zustreben.

Es ist die Hoffnung, dass die Strecke noch einen Knick oder ein anderer Fahrer den Anfang machen wird. Viele kommen aus der Region und ich vertraue still auf ihre bessere Orts-, Strecken und Wetterkenntnis.

Die letzte Chance kommt in Form einer T-Kreuzung: nach links scheint ein Entkommen ins Licht noch möglich, doch rechts geht es mitten hinein, den Hang hinauf in die graue Wand. Der orangene Pfeil, der mir heute den Weg weist, er zeigt nach rechts. Und treu folgen wir ihm, einer nach dem anderen, wie die Lemminge hinein ins Verderben.

Augen zu und durch

In den folgenden Minuten passt kein Atemzug zwischen Blitz und Donner, das Wasser kommt von allen Seiten und das Prasseln der dicken Regentropfen ist mir fast schon eine willkommene Ablenkung, denn in Fahrtwind und Regen klingt das nahe Grollen etwas weniger bedrohlich.

Immer wieder zucken die Blitze jetzt senkrecht in den Hang. Wir sind hier völlig ausgesetzt, kreuzen eine neue Autobahn – noch ganz ohne Verkehr – und höher als wir sind hier nur die zahlreichen Masten der zukünftigen Straßenbeleuchtung. Bloß weg von diesem Bergrücken!

Treten, treten und möglichst nicht denken. Ein Waldstreifen säumt nun die Straße und bietet zumindest gefühlt etwas Schutz. Tief über dem Lenker gebeugt versuche ich zu entkommen, wie alle anderen auch. Unsere Gruppe wächst stetig an, als böte die Herde Schutz.

Aus dem Wald heraus wird der Blick wieder frei und es geht bergab. Doch auch am gegenüberliegenden Hang scheint die Welt nun unterzugehen und dampfend verschwindet er im grauen Dunst.

Als etwas weiter unten endlich ein Ort in Sicht kommt, schwöre ich mir: „Da fahre ich hin, egal was der Pfeil diesmal diktiert!“

Mit hoher Geschwindigkeit und in einer fantastischen Gischt schießen wir in den rettenden Ort, wo jeder bessere Hauseingang bereits einem Radfahrer als Unterstand dient. Das Wasser stürzt jetzt in Bächen die Straße hinab, doch in der Ortsmitte angekommen, winkt ein rühriger Mitfahrer die restliche Meute in die offene Halle einer kleinen Fabrik. Geschafft!

IVV 2019 Unterstand Gewitter
Eine offene Halle bietet endlich Schutz vor dem Gewitter – besser spät als gar nicht.

Durch dieses Unwetter gefahren, kann ich hinterher erst gar nicht glauben, dass es einen großen Teil der Teilnehmer der In Velo Veritas, nämlich auf den anderen Strecken, gar nicht berührt hat.

Trocken fahren

Vom Regen aufgeweichte und dann verlorene Startnummern weisen den weiteren Weg, als ich nach einer guten Viertelstunde wieder aufbreche. Alle paar hundert Meter eine Neue. Die dunkle Gewitterfront zieht indessen langsam davon und als die Strecke kurz später abdreht, scheint schon bald wieder die Sonne.

Es ist immer wieder beeindruckend wie schnell man sich im Sommer trocken fahren kann. Gerade noch klatschnass, sorgen der Fahrtwind und die Sonne jetzt für eine schnelle Trocknung. In der zweiten Labe angekommen, sind eigentlich nur noch die Schuhe nass. Und mir ist es tatsächlich schon wieder zu warm. Meinem Schweinehund kann man es einfach nicht recht machen, er hat wohl immer etwas zu beklagen.

InVeloVeritas Wein und alte Rennräder
Sonne, Weinstöcke und klassische Rennräder, auch das ist die InVeloVeritas.

Eine tolle Strecke

Von Beginn an geht es dieses Jahr zur Sache, die Streckenführung ist nicht nur landschaftlich und kulturell attraktiv, sondern auch schwer. Man kann Poysdorf noch sehen, da zwingt die Steigung schon manch tapferen Recken vom Rad, und dieses Bild wird sich noch ein paar Mal wiederholen.

IVV 2019 Von Beginn an hart
Von Beginn an anspruchsvoll präsentiert sich die diesjährige Strecke der InVeloVeritas.

Mit Blick auf die Renn-Übersetzung vergangener Tage, die manche hier aufgelegt haben, ist das Absteigen keine Schande. So manches Ritzel scheint kaum mehr als 20 Zähne zu haben, da kurbelt es sich mit deren 28 schon etwas entspannter. Mein Rettungsring bleibt mir den ganzen Tag ein guter Freund.

IVV 2019 - wunderbare Labe in der Ruine Falkenstein
Die Labe in der Ruine Falkenstein gehört zu den Besten, die ich bisher erlebt habe.

Auch die erste Labe auf der Ruine Falkenstein muss hart erarbeitet werden. Man nähert sich nach langem Anstieg schon auf Augenhöhe, die Ruine zum Greifen nahe, da führt die Straße wieder bergab. Dafür darf der Falkenstein dann von der anderen Seite noch einmal auf Naturstraßen erklettert werden. So hat man die Burg wenigstens von zwei Seiten gesehen.

Doch die Mühe lohnt sich wahrlich, der Anstieg im Schotter macht mir ehrlich Spaß und ich kann mich kaum an eine schöner gelegene und besser ausgestattete Verpflegung erinnern. Allein der Zeitpunkt für die leckere warme Mahlzeit will so früh noch nicht so recht passen. Egal, ich schlage mir den Magen voll, wer weiß, was noch kommt.

Weggefährten

Wie schon im Vorjahr habe ich auch dieses Jahr immer wieder nette Begleiter, mit denen ich weite Teile der Strecke gemeinsam absolviere, da sowohl Chemie als auch Tempo stimmen.

Nette Mitstreiter bei der InVeloVeritas 2019
Mit diesen beiden Brüdern lässt sich trefflich fachsimpeln und gut fahren.

Seitdem ich mich nicht mehr wettkampforientiert belasten darf, trainiere ich nicht nur viel zu wenig (wofür auch), sondern kann es auch nicht mehr leiden, ein Hinterrad halten zu müssen. Bremsen will ich aber auch niemanden.

So verabrede ich mich mit Freunden und Bekannten lieber für ein Bier hinterher oder am Abend davor, und bestreite die eigentliche Ausfahrt dann ersteinmal alleine.

Die Begleiter stellen sich unterwegs immer von selbst ein. Schon viele nette Mitstreiter habe ich auf diese Weise kennen gelernt. Es hat eben doch alles zwei Seiten, auch ein angeschlagenes Herz.

Direkt nach dem Gewitter verkürzt mir ein nettes Wiener Ehepaar die Zeit, gerade als die Lust etwas zu schwinden droht. Und später fahre ich noch lange mit zwei Italo-affinen Brüdern aus Kärnten, mit denen sich trefflich fachsimpeln und nicht weniger schön radeln lässt. Die familiäre Atmosphäre der Veranstaltung und die Teilnehmer passen hier einfach gut zusammen, oder beeinflussen sich vielleicht auch gegenseitig zum Besten. Das Ergebnis passt.

Eine tolles Radsport-Wochenende

Schon im vergangenen Jahr hat mir die In Velo Veritas viel Spaß gemacht, doch in diesem war es einfach phantastisch: Noch mehr bekannte Gesichter und nette Mitstreiter. Dazu gab es mit der Poysdorfer Gstettn einen wunderbaren Austragungsort und einen guten Campingplatz vor Ort. Zusammen mit der von Beginn an gelungenen Streckenauswahl ergab das ein Rundum-Wohlfühl-Wochenende, das die diesjährige Ausgabe für mich noch schöner gemacht hat. Da muss ich nächstes Jahr in Hollabrunn wohl wieder dabei sein. Oh ja, ich freue mich schon.

Centurion Professional bei der InVeloVeritas 2019
InVeloVeritas 2019: Auch kulturell war die Strecke immer interessant.

Das Rennrad

Unterwegs war ich wieder mit einem Centurion Professional Rennrad, das ich vorab komplett umgebaut hatte, von der für dieses Rad typischen Suntour Superbe Gruppe auf einen 80er-Jahre-Mix aus Sachs New Success-Schaltung (sensationell gut!), Weinmann Carrera Bremsen und Shimano Dura-Ace Teilen der 74er Baureihe.

An der Funktion des Rades gab es nicht das Geringste auszusetzen und wenn es doch einmal unrund lief, dann lag das immer am Fahrer. Die montierten 28er Veloflex-Reifen zeigten auch auf Schotter keine Schwäche und entwickeln sich immer mehr zu meinem Lieblings-Reifen. Und mit der kleinsten Übersetzung von 39-28 war mir auch kein Berg zu steil 🙂

IVV 2019 Centurion Seblog
Mein Centurion Professional mit einem leicht alternativen Aufbau ließ keine Wünsche offen.

Meinen Bericht zur letztjährigen In Velo Veritas 2018 in Retz findet Ihr hier.

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