In Velo Veritas unter Freunden

Über die Ausfahrt für klassische Rennräder, einen wilden Ritt durchs Gelände, Rad-Freundschaften in Corona-Zeiten und ganz viel Genuss.

Wie ein Wiesel entfernt sich Axel im losen Schotter bergab, während ich beim Verlangsamen von rechts nach links geworfen werde; …überlege, ob nicht der Grasstreifen in der Mitte die bessere Alternative wäre, und endlich auch nur noch den Lenker gerade halte, bis der der Weg flach ausläuft.

Nur Minuten zuvor hatten wir noch darüber philosophiert, dass auf den vom starken Regen der Vortage ausgewaschenen Feldwegen, der beste Weg, der schnelle und direkte sei. Alle Versuche im losen Kies zu bremsen destabilisieren Rennrad und Fahrer sowieso nur.

Nun – zumindest mein Begleiter agiert gerade auch so…

Jedes Jahr auf neuen Wegen

Wir sind bei der In Velo Veritas im österreichischen Weinviertel, einer Ausfahrt für klassische Rennräder, die in diesem Jahr bereits zum achten Mal stattfindet. Ich bin selbst bereits zum dritten Mal bei diesem so entspannten Treffen, das die Freunde klassischer Rennräder, körperlicher Anstrengung und leiblichen Genusses jedes Jahr in diesen schon etwas entlegenen Winkel Österreichs zieht.

Ohne diese tolle Veranstaltung wäre ich dieser Region mit ihren verkehrsarmen Radstrecken, den Weinbergen und unerwartet viel Kultur, wohl nie näher gekommen als in der gut 50 Kilometer entfernten Landeshauptstadt Wien.

IVV 2020 Kellergasse seblog.de
Typisch für das österreichische Weinviertel sind die zahlreichen Kellergassen.

Nach jeweils gut 140 Kilometern rund um die kleinen Städtchen Retz und Poysdorf in den beiden Vorjahren, darf ich nun auch das Umfeld Hollabrunns näher kennenlernen.

Der jährliche Wechsel des Veranstaltungsortes zeichnet die In Velo Vertitas aus. Er unterscheidet sie von anderen Veranstaltungen dieser Art. Ein Konzept, das mir sehr gut gefällt, und durch den zusätzlichen Aufwand irgendwie sinnbildlich für das große Engagement der Veranstalter rund um den rührigen Horst Watzl steht.

Horst selbst fehlt dieses Jahr, er kuriert noch an den Folgen eines schweren Rad-Sturzes im Vorfeld der Veranstaltung.

Corona-Auszeit

Jahr für Jahr bescheren Martin, Michl und Horst ihren Gästen also ein unvergessliches Erlebnis auf neuen Strecken und scheuen dabei sichtbar keine Mühe. Es scheint kein Zufall zu sein, dass es in diesem “Wahnsinnsjahr” mit den vielen Corona-bedingten Absagen, Verschiebungen und erneuten Absagen ausgerechnet bei der In Velo Veritas doch klappt, wenn auch mit der notwendigen Verschiebung vom Juni in den August.

IVV seblog.de Gitane
Das Rennrad meiner Wahl in diesem Jahr: Gitane Olympic (1980)

Während der ganzen Veranstaltung habe ich – das muss ich klar sagen – nie das Gefühl, dass man dafür die eigene Gesundheit oder die der anderen gefährden könnte. Wie selbstverständlich gehen wir versetzt an den Start. Und nach den Gewittern der Vortage verteilen sich die vielleicht fünfhundert Teilnehmer bei herrlichem Sommerwetter wie von selbst auf der Strecke und in den großzügigen Laben.

Dennoch ist auch in Hollabrunn die Atmosphäre diesmal anders als in den Vorjahren.

Ein Treffen mit Freunden

Schon auf der Fahrt ins Weinviertel habe ich das Gefühl, dass ich den Aufenthalt in diesem Jahr noch mehr genießen sollte als in den Jahren davor. Die Radio-Nachrichten werden beherrscht von der Erklärung neuer Risikogebiete und großen Wartezeiten an den Grenzen Österreichs. Die Eroica in Gaiole ist bereits abgesagt und für den ebenfalls eingeplanten Giro Bavarese steht es Gerüchten zufolge nicht besser.

Die IVV wird für mich die einzige Ausfahrt für klassische Rennräder in diesem Jahr sein und damit die einzige Gelegenheit, alte und neue Freunde zu treffen, mit denen man sonst nur online in Verbindung steht.

In Hollabrunn angekommen, habe ich den Motor noch nicht abgestellt, da treffe ich mit Pitti bereits den ersten. Und auch in der Folge kommt mir jede Begrüßung, jedes Gespräch noch ein wenig intensiver und wichtiger vor als in den Jahren zuvor.

IVV seblog.de Ziel
Selten in diesem Jahr: der Austausch mit Gleichgesinnten und Freunden im Ziel der IVV.

Ich kann es nicht beschwören, aber es mag nicht nur mir so gegangen sein. Das Zusammensein beim einen oder anderen Viertel Wein im Heurigen am Vorabend, danach auf der Strecke, sowie hinterher zufrieden und ermattet in der alten Hofmühle in Hollabrunn, es fühlt sich sehr gut an.

Und tatsächlich wirkt es auch jetzt noch ein wenig nach, wenn ich diese Zeilen schreibe. Der begleitende Genuss des im Ziel überlassenen Veltliners wirkt dem wohl auch nicht entgegen…

Unterwegs zu zweit

Zum Glück habe ich gestern doch noch die 28er Panaracer-Drahtreifen aufgezogen. Im stetigen Wechsel von kleinen Nebenstraßen, noch feuchten Feldwegen und gelegentlichen Betonplatten gleiten wir zu zweit der ersten Labe entgegen. Mitfahrer treffen wir bis dahin fast keine und so sind wir nicht undankbar, dass wir unser zweites Frühstück an schönem Ort zumindest im kleinen Kreise Gleichgesinnter verbringen.

IVV gravel seblog.de
Auf feinem Schotter laufen unsere Rennräder wie von selbst – Axel auf seinem seltenen Rebeccani.

Es sind noch nicht viele hier und so geht es herrlich entspannt zu. Kaffee und Cappuccino gibt es ohne Schlange an der Bar und von der Frühstückssemmel bis zum Rührei ist alles da, was mein Magen gerade begehrt. Die Aussicht in die Weinberge um uns herum ist traumhaft.

Die erste Verpflegung IVV2020
In der sehr schön gelegenen ersten Labe geht es angenehm entspannt zu.

Mehr Feldweg und noch weniger Aspahlt; auf wirklich kleinen Straßen geht es weiter. Und obwohl mir das Höhenprofil in diesem Jahr deutlich entspannter vorkommt, bin ich nach der Hälfte der Strecke schon reichlich platt.

Nicht so platt, dass die 144 Kilometer wirklich zur Last werden, aber schon so, dass man sich größere Steigungen nicht unbedingt wünscht. Ich hätte das letzte Viertel am Vorabend wohl besser sein lassen.

Schweinsbraten mit Krautgröstl

Der folgende Manhartsberg erweist sich dennoch als angenehm fahrbar und erinnert mit seiner Schotter-Abfahrt sogar ein wenig an die Strade Bianche in der Toskana.

Nach 80 Kilometern gibt es in Labe Nr. 2 einen herrlichen Schweinsbraten mit Krautgröstln. Lecker! So richtig fertig kann man nicht sein, wenn man nach der ersten üppigen Portion noch nicht genug hat…

Mein Freund und Mitfahrer Axel muss nun trotzdem immer wieder etwas rausnehmen, ich will einfach nicht schneller. Er nimmt es wie immer stoisch und mit einem steten Lächeln im Gesicht. Ein guter Begleiter ist das.

Der Hohe Berg – so jedenfalls meine Erinnerung – verlangt mir dann aber doch noch etwas mehr ab, als ich gerade möchte. Er ist nicht übermäßig steil und auch nicht so wahnsinnig lang, aber es wird jetzt eben langsam heiß unter meinem feinen Wolltrikot.

Gerade als ich denke “jetzt ists aber gnug”, da weht mir eine sanfte Brise entgegen und ich bin wieder im Flow.

IVV seblog.de Sonnengruß
Rennradler, grüß mir die Sonne…

Dass die restlichen Kilometer nicht zur reinen Freude werden, ist allein der Erkenntnis meines Rad-Freundes geschuldet, dass er im übelsten Abschnitt – irgendwo zwischen Labe zwei und drei – seine Uhr verloren haben muss. Ein teures Stück, an dem er auch emotional hängt. Sch…!*

Zielporträt IVV seblog.de
Das kostenlose Zielporträt gehört zur IVV genauso wie ein regionales Weinpräsent.

Und trotzdem wird auch Axel diese In Velo Veritas in guter Erinnerung behalten, unser Zielfoto spricht da eine klare Sprache.

Schee wars!

Mehr Feldweg, weniger Berge und viele gute Freunde. Das war die In Velo Veritas 2020 in Hollabrunn.

Längst ist diese Ausfahrt für klassische Rennräder zu einer festen Größe in meiner jährlichen Terminplanung geworden. Deshalb wünsche ich mir, auch in Laa an der Thaya im kommenden Juni wieder mit von der Partie zu sein.

Dass dieses Glück nicht selbstverständlich ist, das ist mir in diesem Jahr besonders bewusst. Ich bin ehrlich dankbar, dass ich auch in Hollabrunn wieder mitfahren konnte.

IVV seblog.de Seb on the road
Dieses Jahr auf weiten Strecken allein – auch ein Resultat des vesetzten Startes.

Schließen möchte ich in diesem Jahr mit einem kurzen Gruß:

“Lieber Horst, es war mir eine große Freude, dieses Jahr erneut ein Teil Deiner Veranstaltung zu sein. Und jetzt werd schnell wieder gsund! Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!”

*Edit: Die verlorene Uhr tauchte auch Dank der aktiven Recherche der Veranstalter und dem Tipp eines Mitfahrers eine Woche später wieder auf. Puuh! Alles gut.

2 Antworten auf „In Velo Veritas unter Freunden“

  1. Danke, mein lieber Freund, es war mir eine Ehre, dein “Wingman” gewesen sein zu dürfen. Ich freue mich mit dir auf die kommende Ausgabe 2021. Schön war’s in Hellabrunn! Lass/Thaya, wir kommen (hoffentlich!).

  2. Vielen Dank für den schönen Bericht! Besser kann man die Freude, die die IVV verbreitet, nicht beschreiben! Und Horst: Ich wünsche Sir eine gute Besserung, hoffentlich steigst du bald wieder auf deinem geliebten Radl.
    Liebe Grüße Benno

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