Faszination Transcontinental Race

Das Tour-Fieber, das mich im Juli nach langjähriger Pause unerwartet befallen hatte, war gerade verflogen, da stolperte ich eher durch Zufall als mit Absicht über die aktuelle Austragung des Transcontinental Race. Und es hat mich sofort gepackt.

Das Transcontinental Race

Das Transcontinental Race (aktuell: TCRNo.7) ist ein Radrennen quer durch Europa, das im Unterschied zu klassischen Radrennen jedoch weder von einem Sportverband organisiert noch von klassischen Radrennfahrern bestritten wird.

Es ist mit den großen Rundfahrten der Radprofis genauso wenig vergleichbar wie mit den in Amateur-Kreisen beliebten Langstreckenrennen und Brevets, unter denen vor allem die traditionsreiche Fernfahrt Paris-Brest-Paris (PBP) bekannt ist.

Gesamtsiegerin des TCRNo.7 Fiona Kolbinger
Photography by Angus Sung © (https://angussung.co.uk) for
The Transcontinental Race (https://transcontinental.cc)

Das Transcontinental Race wird als Wettkampf gefahren, aber ähnlich wie bei Paris-Brest-Paris geht es für die meisten Teinehmer mehr um die eigene Ausdauerleistung als um den Wettkampf. Die primäre Herausforderung liegt nämlich darin, das ca. 4000 Kilometer entfernte Ziel überhaupt im Zeitlimit zu erreichen.

Vier Kontrollpunkte, aber keine Etappen

Anders als die großen Landesrundfahrten der Radprofis wird das Transcontinental-Race auch nicht in Etappen zurückgelegt, sondern am Stück. Das heißt, dass die Zeitnahme zwischen Start- und Zielort nicht unterbrochen wird.

Dadurch spielen neben der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit auf dem Rad auch die Ruhe- und Rüstzeiten eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich ist es nämlich jedem Teilnehmer selbst überlassen, wieviel Schlafpausen er für erforderlich hält und wo er sie einlegt.

Unterwegs von Burgas im Osten nach Brest im Westen Europas mussten dieses Jahr insgesamt nur vier vorher bekannte Kontrollpunkte und eine Handvoll fest definierter Streckenabschnitte von allen Teilnehmer passiert werden.

Diese ermöglichen den Organisatoren Cut-Off-Zeiten zu definieren und durch die Wahl der Lage auch gewisse Mindest-Anforderungen – zum Beispiel bei der Alpenpassage. Abgesehen davon sind die Teilnehmer in der Wahl ihrer Route jedoch völlig frei.

Die Wahl der besten Route

Die Fahrer des Transcontinental Race bestimmen ihre Route also weitestgehend selbst, was das TCR von den meisten anderen Radfernfahrten deutlich unterscheidet. Aus meiner Sicht wird es dadurch auch sehr viel interessanter. Überfliegt man die Berichte der bisherigen Austragungen, spielte die Routenwahl immer wieder eine mitentscheidende Rolle.

Durch die Freiheit, die die Organisatoren des TCR den Teilnehmern einräumen, gewinnen neben der reinen physischen Leistungsfähigkeit auch die strategischen Entscheidungen unterwegs an Bedeutung. Und diese müssen permanent an die aktuelle Situation angepasst werden.

Das Wetter kann sich unterwegs genauso auf die Streckenplanung auswirken wie der Gesundheitszustand des Fahrers. Teilabschnitte können unpassierbar werden und Pausen drängen sich auf, wo vorher keine geplant waren.

Während der diesjährigen Austragung konnte man die unterschiedlichen Erwägungen der Fahrer in der Routenplanung gut erkennen, vor allem in den Westalpen.

Dank GPS-Tracking gut mit zu erleben, verteilten sich die Fahrer dort auf drei alternative Routen. Eine nördliche und südliche Umgehungsroute, sowie die direkte mit deutlich mehr Höhenmetern und den Umwägbarkeiten einer Streckenführung mitten durch das Hochgebirge.

Alle Teilnehmer sind Selbstversorger

Richtig abenteuerlich wird das TCR aber erst dadurch, dass die Teilnehmer ganz ohne externe Unterstützung unterwegs sein müssen (self-supported). Begleitfahrzeuge sind ebenso verboten wie das Deponieren von Paketen entlang der Strecke, oder die Versorgung durch Freunde unterwegs.

Was man unterwegs braucht, muss man mitführen oder bei Bedarf käuflich erwerben – wenn gerade möglich. Gleiches gilt für Defekte, die entweder selbst oder in einem nahe gelegenem Fahrradgeschäft behoben werden müssen. Schon in der Vorbereitung ist es also keine leichte Aufgabe, einzuschätzen, was man zwingend braucht und was man weglassen kann.

Das TCR fordert den ganzen Fahrer

Die Selbstversorgung empfinde ich als den spannendsten Part im Konzept des Transcontinental Race, denn erst dadurch wird der Teilnehmer wirklich ganzheitlich gefordert.

Beim bekannten – aber vergleichsweise langweiligen – Race Across America (RAAM), wo dies nicht der Fall ist, wird längst ein großer Teil der Entscheidungen unterwegs an die Support-Crew delegiert und der Fahrer damit zur reinen Tretmaschine. Im besten Fall kann sich der Fahrer dort mental soweit entkoppeln, dass er sich nur noch auf die reine Fortbewegung fokussiert.

Der Teilnehmer des TCR hingegen muss nicht nur körperlich und mental stark sein, er muss auch jederzeit selbst in der Lage sein, weitreichende Entscheidungen zu treffen. Im schlimmsten Fall findet das mitten in der Nacht, unter grausamen Wetterbedingungen und in völligem Erschöpfungszustand statt.

Das Faszinierende am TCR

Es ist die Mischung, die mich am Konzept des Transcontinental Race so fasziniert. Es kombiniert die Anforderungen an einen Sportler mit denen an einen Reisenden oder Abenteurer. Kein Wunder also, dass es mich berührt, bin ich doch selbst gerne in beiden Welten unterwegs.

Eine Radreise auf Zeit

Das TCR ist im Grunde also eine Radreise auf Zeit, bei der so wenig wie möglich vorher definiert ist, damit sie spannend und abenteuerlich verlaufen kann, aber so viel wie nötig, um einen fairen Wettkampf zu ermöglichen.

Dadurch unterscheidet es sich so positiv vom immer professionelleren und wissenschaftlich ausgereizten Radrennsport, in dem Wattzahlen dominieren und die Finanzkraft der Sponsoren, mit deren Hilfe das Unvorhersehbare auf ein Minimum reduziert werden soll.

Der professionelle Radrennsport zerstört sich längst selbst dadurch, dass es Teams gibt, die versuchen zu berechnen, wie viele Fahrer von welcher Qualität man benötigt, um eine Etappe schnell genug fahren zu können, dass nennenswerte Zeitgewinne durch die Attacke eines einzelnen gar nicht mehr möglich sind.

Überraschungs-Sieger !?!

Zur Faszination am aktuellen TCRNo.7 trug aus meiner Sicht aber auch bei, dass der Sieger in diesem Jahr eine Siegerin ist. Denn wie zum Beweis für die Unwägbarkeit dieses Rennens, für die multiplen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und die mentale Stärke seiner Teilnehmer, kam in diesem Jahr die 24-jährige deutsche Medizin-Studentin Fiona Kolbinger als Erste ins Ziel am Atlantik. Völlig unerwartet und nicht minder gefeiert.

Die strahlende Überraschungssiegerin
Photography by Angus Sung © (https://angussung.co.uk) for
The Transcontinental Race (https://transcontinental.cc)

In 10 Tagen und etwas mehr als 2 Stunden hatte sie die mit zahlreichen Pässen gespickte und gut 4000 Kilometer lange Strecke von der bulgarischen Schwarzmeerküste bis nach Brest an der französischen Atlantikküste absolviert.

Dabei kam sie mit den obligatorischen Gravel-Abschnitten im Osten Europas offenbar genauso gut zurecht wie mir der großen Hitze. Als sie sich den Alpen näherte trug sie überraschend das Führungskäppi unter dem Helm, lag aber nur knapp vor dem männlich dominierten Verfolgerfeld.

In den Bergen erwies sich Fiona Kolbinger dann als extrem kletterstark und begeisterte nebenbei die verwunderte Folgschaft im Netz mit ihrem strahlenden Wesen. Hier baute sie ihre Führung vor den unmittelbaren Verfolgern entscheidend aus.

In das letzte Teilstück quer durch Frankreich ging sie mit einem für das Transcontinental Race nur bedingt komfortablen Vorsprung von etwa 120 Kilometern. Dennoch hatte ich bis zum Schluss nie mehr das Gefühl, dass sich daran noch etwas ändern könnte.

Zu konstant hatte sie ihre Pace bis dahin durchgezogen. Zu gut gelaunt präsentierte sie sich auf den Bildern und Berichten von der Strecke. Chapeau! Das war eine unglaublich beeindruckende Vorstellung.

Chancen und Risiken

Obwohl das Transcontinental Race in diesem Jahr bereits zum siebten Mal stattfand, spricht es bisher eher eine Randgruppe leidenschaftlicher Fahrrad-Enthusiasten an als die breite Bevölkerung. Doch die mediale Aufmerksamkeit wird größer und gerade die Möglichkeit, die Fahrer via öffentlichem GPS-Tracking zu verfolgen, bietet Potential für mehr.

Doch sollte man das überhaupt anstreben?

Das Transcontinental Race wurde von einem Langstreckenfahrer konzipiert (Mike Hall). Er hatte dabei so offensichtlich die teilnehmenden Fahrer im Sinn und eher nicht das Publikum, dass man diese Frage im Grunde nur verneinen kann.

Das TCR bietet seinen Teilnehmern Raum für außergewöhnliche Leistungen, echte Abenteuer und Grenzerfahrungen wie kaum eine andere Radsport-Veranstaltung. Und seine Fahrer brauchen nicht wirklich mehr Aufmerksamkeit. Auch Fiona Kolbinger wird das auf ihrer zunehmend von Fans begleiteten Reise manchmal gedacht haben.

Und jetzt zum Transcontinental Race?

Die meisten, die gerade das TCR verfolgen oder schon in der Vergangenheit begleitet haben, dürften selbst passionierte Radsportler sein, so ist das auch bei mir. Nicht wenige davon werden in den letzten Tagen einen Gedanken daran verloren haben, selbst einmal Teil dieses aufregenden Events zu sein. Und doch werden die meisten diesen Gedanken genauso schnell verworfen haben wie ich.

Die Anforderungen an die Fahrer sind einfach unglaublich hoch. Wenn ich mir überlege, wieviel gedankliche und körperliche Arbeit alleine in der Vorbereitung steckt. Die möglichen Routen (für über 4000 km!), das nötige Equipment, die mentale Vorbereitung und bis dahin hat man dann noch keinen Kilometer trainiert…

Ausnahmeerscheinungen

Dass mit Fiona Kolbinger dieses Jahr ein Rookie von gerade einmal 24 Jahren so erfolgreich dabei war, sollte einen nicht dazu verleiten, die falschen Schlüsse zu ziehen. In der Regel wird man sich jahrelang im Langstreckenfahren und auf Radreisen bewähren müssen, bevor man sich an ein solches Unterfangen wagen kann.

Ausnahmen bestätigen die Regel, und eine Ausnahmeerscheinung ist diese Fiona Kolbinger bestimmt. Genau wie Ben Davies, Job Hendrickx und alle anderen, die das Transcontinental Race erfolgreich beendet haben, oder gerade dabei sind, das zu tun.

Zu einer erfolgreichen Teilnahme gehören ein extrem sonniges Gemüt und die pure Freude am Radfahren, davon haben mich die Bilder der vergangenen Tage jedenfalls überzeugt.

Mir genügen derweil die Anforderungen meiner Klassiker-Ausfahrten.

Im kommenden Jahr bin ich wieder mit dabei – allerdings nur im Geiste 🙂 und natürlich wieder ungläubig lesend und staunend auf Transcontinental.cc.

Bis dahin!

2 Antworten auf „Faszination Transcontinental Race“

  1. Bei mir erschien das TCR letztes Jahr zum ersten Mal auf den Schirm. Medial kam es dieses Jahr aber viel mehr zu Geltung, was wohl daran lag, dass eine junge deutsche Frau gewonnen hat. Da sprangen dann Spiegel und Süddeutsche gerne an. Es bleibt zu hoffen, dass die mediale Beachtung nicht zu groß wird. So ein Konzept kann nicht mehr funktionieren, wenn der Hype zu groß wird. In dem Augenblick, wo „Rennfahrer“ antreten braucht es nämlich sonst für jeden Fahrer einen Schiedsrichter – zu einfach wäre der Betrug durch Dropbags oder Begleiter. Und der Abenteuercharakter ginge auch verloren.

    1. Grüß Dich Tom,

      die Gefahren sehe ich auch. Man konnte das in den letzten Jahren am Beispiel der Ultratrail-Laufszene, die ja irgendwie artverwandt ist, gut beobachten. Da werden gerade die traditionsreichen Events mittlerweile von Profis beherrscht, was nachvollziehbar, aber trotzdem irgendwie unschön ist. Beim TCR habe ich trotzdem die Hoffnung, dass das nicht passiert. Begründen kann ich das aber auch nicht schlüssig. Zumindest setzt hier auch der logistische Aufwand für den Veranstalter ein paar Grenzen. Wir werden sehen.

      Beste Grüße
      Sebastian

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.