Vintage Centurion Fever

Es ist strahlend blau, aus dem Land der aufgehenden Sonne und sieht auch nach 39 Jahren fast noch so aus, als käme es gerade aus dem Laden. Eine Kombination, der mein Abwehrsystem einfach nicht gewachsen ist, und so hat es mich wieder erwischt, das Vintage Centurion Fieber…

Und wieder ein Semi Professional

Es ist kein Zufall, dass mein drittes Centurion wieder ein Semi Professional ist. Denn obwohl es in der Modell-Hierarchie der Siebziger- und frühen Achtziger-Jahre immer an zweiter Stelle hinter dem Professional rangierte, ist es für mich das eigentliche Top-Modell des japanischen Herstellers.

Semi Professional in metallic-blau
Rahmenset meines neuen Centurion Semi Professional (Baujahr 1980)

Das liegt daran, dass das Top-Modell Professional im Grunde ein Nachbau des berühmten Super Corsa Rahmens von Cinelli ist. Ob mit oder ohne Lizenz, das entzieht sich leider meiner Kenntnis. Centurion hatte wohl schon seit den frühen Siebziger-Jahren Kontakt zu dem großen italienischen Rahmenbauer, richtig konkrete und verlässliche Informationen dazu konnte ich bis jetzt jedoch nicht finden.

Das Semi-Professional ist für mich damit das heimliche Top-Modell, denn es teilt nicht nur die überragende Verarbeitungsqualität, sondern im Falle meiner beiden Modelle auch den Tange Champion Rohrsatz (sogar Champion Nr. 1) mit dem Professional. Im Gegensatz zum Professional hat es ein eigenständiges Design und eine typisch japanische Geometrie mit vergleichsweise langem Oberrohr.

Steuerkopf Centurion rund
Mein erstes Centurion mit dem runden Steuerkopfschild (jünger).

Vergleich der Jahrgänge

Von meinem 78er Semi Pro unterscheidet sich das 80er durch den flachen Gabelkopf und den Verzicht auf Sicht- bzw. Unter-Verchromung. Es hat zudem eine etwas modernere Geometrie mit einer geringeren Gabelvorbiegung und ein kürzeres Oberrohr.

Außerdem fällt sofort das runde Gabelkopfschild auf, das es hierzulande kaum zu sehen gibt, und das ich bisher vor allem von Centurion Rennrädern aus dem amerikanischen Markt kenne. Sowohl mein Professional aus dem gleichen Jahr als auch mein älteres Semi Pro haben das schönere kreuzförmige Schild.

Das spricht neben der zeitlichen Abgrenzung der Steuerkopfschilder (das Runde taucht erst ab Ende 70er auf) auch für eine regionale, denn im deutschen Markt hatten auch die vielen Professionals Anfang der 80er noch das kreuzförmige. Ab 1983 wechselte man dann sowieso zu einem neuen, aufgeklebten Head-Badge.

Steuerrohr Centurion Semi Pro
Das schönere Steuerkopfschild und Sichtchrom am 78er Semi Professional.

Typisch für die Weiterentwicklung zwischen Siebziger und Achtziger-Jahren ist, dass die Züge auf dem Oberrohr schon durch angelötete Ösen statt durch Schellen laufen. Und auch der Hinterbau ist am neuen mit 126mm Breite schon breit genug für einen 6- oder 7-fach Zahnkranz.

Japanischer Qualitätsanspruch

Der hohe japanische Qualitätsanspruch ist an allen drei Centurion-Rädern durchweg sichtbar. Die Muffen sind fein geschliffen und laufen flach aus. Es gibt weder Lücken im Lot noch irgendwo Reste davon. Die Rahmen sind hundertprozentig maßhaltig, was ich nach den Erfahrungen mit diversen französischen Rahmen ganz besonders genießen kann.

Suntour Ausfallenden
Hochwertige Materialien: Tange Champion Rohre und Suntour Superbe Ausfallenden.

Auffällig ist auch die hohe Lackqualität, für die nicht nur spricht, dass alle drei Rahmen noch glänzen wie am ersten Tag, sondern auch das Fehlen jeglicher Korrosion. Diese Rahmen machen dem Betrachter auch nach 40 Jahren einfach nur Spaß.

Das 78er Semi Pro und mein 80er Professional sind komplett unterverchromt und haben darüber eine extrem dünne und trotzdem schlagfeste Lackierung. Die Lackierung am 78er Semi Pro ist die beste, die ich je in der Hand hatte.

Semi Professional
Das 78er Semi Pro glänzt mit einer extrem hohen Lackqualität.

Auch beim neuen 80er Semi Pro glänzt der Lack noch unglaublich, trägt aber mehr auf, an den Steuerrohrmuffen für meinen Geschmack sogar etwas zu viel. Aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau.

Der Rahmen ist unter der Lackschicht nicht verchromt, was technisch betrachtet wahrscheinlich sogar ein Vorteil ist, da die Verchromung dem dünnen Stahl wohl nicht wirklich gut tut und vielleicht sogar etwas schwächt.

Centurion Semi Professional
Der massive, abgeflachte Gabelkopf weiß zu gefallen, auch ganz ohne Chrom.

Datierung der Centurion-Rahmen

Zum hohen Qualitätseindruck der Vintage Centurion Rennräder trägt für mich auch bei, dass man sie anhand der Seriennummer unter dem Tretlagergehäuse zweifelsfrei der damaligen Fertigungsstelle zuordnen und genau datieren kann. Das ist bei ganz wenigen klassischen Rennrädern der Fall, was die genaue zeitliche Einordnung oft zu einem Detektiv-Spiel werden lässt – zugegeben einem, das auch viel Spaß machen kann.

Meine drei Vintage Centurion Rahmen stammen alle aus der Fertigung von Mikki in Japan, was man am großen „M“ ablesen kann, mit dem die Seriennummer beginnt. Darauf folgt eine Ziffer, die das Jahr markiert.

Die Seriennummer meines neuen Semi Pro beginnt mit „M0F12xxx“, womit ich den Rahmen also auf das Frühjahr 1980 datieren kann (70 und 90 lassen sich anhand der Rahmenmerkmale und Historie klar ausschließen). Der Buchstabe „F“ und die darauffolgenden zwei Ziffern beziehen sich wahrscheinlich auf die Produktionswoche, erst danach folgt dann die individuelle Reihenfolge in der Fertigung.

Die Datierung und Zuordnung ist auf der amerikanischen Internetseite Vintage-Centurion.com ausführlich beschrieben und durch zahlreiche Beispiele untermauert. Sie birgt natürlich trotzdem eine gewisse Unsicherheit.

Nach Bevington, Japanese Steel, wäre mein Rad der Fertigung von Matsushita (Panasonic) zuzuordnen, ohne dafür jedoch eine Erklärung abzuliefern. Ich halte die Beschreibung der Systematik von vintage-centurion.com aber für schlüssig, weshalb ich mich hier daran angelehnt habe.

Vintage Centurions im Einsatz

Ich sehe mir meine drei klassischen Centurion Renner natürlich nicht nur gerne an, sondern fahre sie auch regelmäßig. Diese schönen und leichten Rennräder sind nicht zufällig bereits meine bevorzugten Begleiter bei den Klassiker-Ausfahrten wie der Eroica und der InVeloVeritas, die ich beide mehrfach auf einem Centurion Rennrad bestritten habe.

Centurion Seblog
Unterwegs mit meinem Centurion Professional auf den Strade Bianche bei L’Eroica.

Aufbau des neuen Semi Pro

Wie ich den neuen Rahmen aufbauen werde, habe ich noch nicht endgültig entschieden. Ich habe jedoch bereits eine Idee. Nachdem ich die beiden anderen klassisch japanisch mit einer Shimano Dura Ace Gruppe der ersten Generation (Semi Pro 78) und mit einer Suntour Superbe Gruppe (Professional 80) aufgebaut habe, tendiere ich beim Neuen zu einem Experiment.

Ich sammle im Zusammenhang mit dem Aufbau eines Gitane Olympic Record gerade erste Erfahrungen mit der Campagnolo Nuovo Record Gruppe. Die wäre am Centurion nicht nur ausgefallen, sondern auch optisch sicher ansprechend. Zu dem satt glänzenden Metallic-Blau kann ich mir die strahlend silbernen Campagnolo-Komponenten sehr gut vorstellen. Aber wir werden sehen…

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