Tandem fahren (1)

Das geteilte Fahrrad und warum Zwei plus zwei nicht vier ergibt.

Alles hat seine Zeit. Für ein paar schöne Jahre war das knallrote Tandem mit dem passenden Namen “Red” eine feste Größe unserer jährlichen Urlaubsplanung.

Auf dem stoischen Rad fuhren wir zu zweit in die ewige Stadt und in anderen Jahren mit viel Gepäck durch Schweden und die Schweiz.

Mit der Geburt unseres Sohnes war die Zeit der zweisam geteilten Touren zunächst vorbei, aber weggeben wollten wir unser Tandem trotzdem nicht…

Neustart 2020

Noch bis vor kurzem stand es viele Jahre unbewegt in der Garage und fiel uns erst beim “allfrühjährlichen Auskehren wieder einmal auf. Und ohne groß darüber nachzudenken war uns plötzlich klar, dass wir es jetzt wieder flott machen und damit fahren wollten.

Tandem Bodensee seblog.de
Ein Tandem ist vor allem für gemeinsame Radreisen der ideale Begleiter.

Unser Sohn fährt mittlerweile so sicher und flott auf dem eigenen Rad, dass wir selbst am Ball bleiben müssen um ihn bei gemeinsam Touren nicht aufzuhalten.

Für einen Radverrückten wie mich ein dankbares Problem, für seine Mama aber schon nicht mehr ganz so selbstverständlich. Und auch wenn die Ausgangssituation damit nicht ganz die gleiche ist, wie seinerzeit vor Anschaffung des Tandem, so ähnelt sie ihr doch.

Rückblick

Kurz nach der Jahrtausendwende endete gerade meine Zeit als aktiver Radrennfahrer. Die Luft für den Wettkampf war raus, nicht aber für das Radfahren an sich.

Ich erinnerte mich an meine frühen Radreisen und meine Frau war es irgendwann wohl einfach leid, die alten Geschichten und die Schwärmerei von der langen Meile immer nur zu hören.

Unser Tandem, ein Zwei plus zwei “Red” im Einsatz auf der langen Meile.

Ich weiß nicht mehr, wie die Idee des Tandems bei uns aufkam, nur noch dass sie zündete. Das Tandem schien die ideale Lösung, zwei im Alltag bestens harmonierende Menschen, die auf dem Rad jedoch eine ziemlich unterschiedliche Ausgangsbasis hatten, zusammen erfolgreich auf das Fahrrad zu bringen.

Die Tandem-Formel

Das Tandem hat als Fahrrad für zwei Fahrer unterschiedlicher Stärke nämlich einen unschätzbaren Vorteil:

Man merkt nicht wirklich, wer wieviel in das System Tandem einbringt. Aber am Ende des Tages sind beide gleich weit gekommen und jeder hat dafür körperlich soviel geleistet, wie er will und kann.

Bei uns sah das dann tatsächlich so aus, dass wir am Abend beide ziemlich gleich müde und auch sehr zufrieden waren. Das wäre auf getrennten Rädern so nicht im Ansatz möglich gewesen.

Unter Vernachlässigung äußerer Faktoren wie z.B. Luft- und Rollwiderstand könnte man das Tandemfahren mathematisch stark vereinfacht vielleicht so ausdrücken:

Arbeit Fahrer A + Arbeit Fahrer B

geteilt durch zwei =

Fahrleistung auf dem Tandem

Oder anders ausgedrückt: (AVS A 30 km/h + AVS B 20 km/h) / 2 = AVS Tandem 25 km/h. Wären die beiden Fahrer aus dem Beispiel getrennt gefahren, hätte Fahrer A lange warten oder sich arg zurücknehmen müssen.

Ein Bild, das man unterwegs gar nicht so selten sieht, und das bei mir meist Mitleid mit dem Zweiten und Unverständnis für den Ersten erzeugt. Auf einem Tandem würden beide zusammen in etwa das mittlere Tempo erreichen, so zumindest meine Erfahrung.

Dass ein Tandem trotzdem nicht immer mehr Spaß machen muss als ein Ausflug auf getrennten Rädern, liegt vor allem an seiner Schwerfälligkeit, die sich besonders am Berg und im Gelände negativ auswirkt.

Stoker oder Pilot

Damit man auf einem Tandem zusammen wirklich Freude hat, ist eine gute Teamarbeit unverzichtbar. Wer sich sonst schon nicht gut einig wird, der wird auch auf dem Tandem auf Dauer wahrscheinlich keinen Spaß haben.

Der Begriff Tandem kommt aus dem Lateinischen und steht sinngemäß für “der Länge nach hintereinander”, was die Anordnung der beiden Fahrer auf dem Tandem-Fahrrad genau trifft. Der vordere Fahrer ist der sogenannte Captain oder Pilot, der hintere Fahrer der Stoker, was wörtlich übersetzt für “Heizer” steht. Dieses Wort hat mir irgendwie immer gefallen.

Daraus könnte man jetzt schlußfolgern, dass vorne idealerweise ein fähiger Lenker sitzt, und hinten einer, der ordentlich Gas geben kann.

Tandem seblog.de Stoker
Die Perspektive des Stokers – der Blick zur Seite ist in aller Regel reizvoller.

In der Praxis ergibt sich die Sitzverteilung aber viel öfter durch die Körpergröße, die bei den allermeisten Tandems – bedingt durch die Rahmengeometrie – den größeren der beiden Fahrer vorne vorsieht.

Für uns stand deshalb die Frage, wer wo sitzen soll, eigentlich nie richtig im Raum. Da dem vorderen Fahrer zusätzlich noch die Aufgabe zukommt, das Rad halten zu müssen, und zwar sowohl im Wiegetritt als auch im Stand (z.B. an einer roten Ampel), haben wir einen Wechsel der Positionen auch nie nur probiert. Meine Frau bringt selbst nämlich deutlich weniger auf die Waage, als unser mit Gepäck beladenes Tandem allein.

Und obwohl meine Frau das Steuer sonst stets selbst gerne in der Hand hat, hatte sie beim Tandem fahren nie Ambitionen darauf, den Piloten zu geben. Es schien uns einfach immer logisch, dass ich das Tandem lenke.

Tandem seblog.de bepackt
Ein voll bepacktes Tandem bringt mehr als 50 Kg auf die Waage.

Im Umkehrschluss war mir natürlich immer klar, dass ich als Lenker des Tandems eine größere Verantwortung habe, als auf meinem Rennrad allein. Jeder Einspruch von hinten, sei es zur Fahrweise oder zum gewählten Tempo, verdient unbedingt Beachtung.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir diesbezüglich jemals einen ernsthaftem Konflikt ausfechten mussten. Und auch gestürzt sind wir bisher zum Glück nicht.

Wie fährt sich ein Tandem?

Der Unterschied zum gewöhnlichen Radfahren beginnt schon beim Start, der wie die meisten anderen Manöver einer kurzen Abstimmung bedarf, und sei sie nur in Form eines Nickens oder kurzen Gebrummels.

Denn schon etwas so simples, wie das Pedal in die richtige Stellung zu bringen, kann dem anderen einen schmerzhaften Schlag ans Schienbein versetzen, wenn er dazu noch nicht bereit war.

Zwei Plus Zwei Red Furka
Kein Pass ist so schwer, dass er nicht auch mit einem Tandem bewältigt werden kann.

Ist man auf dem Tandem zusammen unterwegs, fühlt sich das Fahren für den Piloten zunächst ähnlich an, wie das Fahren eines normalen Fahrrades mit viel Gepäck, nur dass es sich dank doppelten Antriebs leichter tritt.

Abrupte Kursänderungen oder Bremsmanöver muss man dem Hintermann unbedingt ankündigen. Seine Sicht nach vorne und auf die Beschaffenheit der Straße wird durch den Piloten nämlich fast vollständig verdeckt.

Wirklich etwas Übung braucht es, wenn Anstiege statt im Sitzen auch mal im Stehen gefahren werden. Der Wiegetritt ist nur im Gleichklang möglich.

Tandem seblog.de

Die größte Herausforderung liegt für uns meist bei der Wahl einer für beide Fahrer bequemen Übersetzung bzw. der Wahl des passenden Ganges.

Während meine Frau lieber einen großen Gang fährt, fühle ich mich mit einer deutlich höheren Trittfrequenz wohler. Und während ich gelegentliche Wiegetritt-Abschnitte am Berg durchaus als entspannend empfinde, strengen sie meine Partnerin viel mehr an, als den Berg konstant im Sitzen zu fahren.

Tandem fahren ist Teamarbeit

Die Lösung liegt auch hier im Kompromiss. Wir wählen zusammen eben eine mittlere Trittfrequenz. Am Berg wechseln wir nur dann in den Wiegetritt, wenn ich ihn wirklich brauche, um meine Muskulatur zu entspannen, und auch nur solange, wie unbedingt nötig.

Zwei Plus Zwei Red Furka
Kein Pass ist so schwer, dass er nicht auch mit einem Tandem zu fahren ist.

Diese notwendige Kompromiss-Suche ist auf Dauer vielleicht der größte Nachteil des Tandemfahrens im Vergleich zum Radfahren allein.

Was ich mir als Pilot immernoch vor jeder Fahrt ins Gedächtnis rufen muss: jede Unebenheiten und jedes Schlagloch trifft den Hintermann unvermittelt und deshalb mit aller Härte. Arge Schläge sollten also umschifft und unvermeidbare zumindest noch angekündigt werden.

Daran ändert auch eine gefederte Sattelstütze nicht viel, wie sie deswegen an den meisten Tandems verbaut wird. Sie nimmt einem besonders starken Schlag aber zumindest die Brisanz.

Zwei plus zwei bleibt zwei… mehr oder weniger.

Die Bezeichnung Zwei plus zwei, so nämlich der Markenname unseres Tandem-Herstellers*, habe ich mir immer mit zwei Beinpaaren erklärt. Leider lässt sich auf einem Tandem trotz der doppelten Antriebskraft nicht das doppelte Tempo erreichen (siehe “Tandem-Formel” weiter oben).

Bergab und in der Ebene – vor allem bei Gegenwind – zeigen sich aber durchaus Vorteile der doppelten Antriebskraft, weil gleichzeitig eben nicht der zweifache Luft- und Rollwiderstand zu überwinden sind. Und ist so ein Tandem erst einmal richtig in Fahrt, dann bügelt man damit auch kleinere Wellen noch ganz gut weg.

Doch spätestens wenn es länger bergauf geht oder auch nur etwas steiler, dann hat ein Tandem gegenüber einem normalen Fahrrad nicht nur keinen Vorteil mehr, sondern fällt erfahrungsgemäß sogar zurück (Massenträgheit). Gleiches gilt im Gelände und ganz grundsätzlich auf Strecken, die häufige Tempowechsel erfordern.

Tandem Furka seblog.de
Furkapass: ein echter Höhepunkt unserer gemeinsamen Radreisen mit dem Tandem.

Besonders lange Ausfahrten führen auf dem Fahrrad zunehmend zu Beschwerden, die einen häufigen Positionswechsel und Entspannungshaltungen erfordern. Auch die sind auf einem Tandem nicht so einfach und individuell möglich. Selten werden beide Fahrer gleichzeitig die selben Bedürfnisse haben.

Fazit: für uns perfekt.

Doch wenn, wie bei uns und vielen anderen Paaren, zwei unterschiedlich starke Fahrer gemeinsam unterwegs sein wollen, dann ist ein Tandem einfach unschlagbar. Wir haben den Kauf schon deshalb nie bereut und freuen uns, auch zukünftig wieder mehr mit dem Tandem unterwegs zu sein.

Vorher stehen nach der langen Standzeit noch ein paar Reparations- und Umbaumaßnahmen an. Diesen und der besonderen Technik eines Tandems werde ich mich in meinem nächsten Beitrag widmen. Bis dahin!

*Die Firma Zwei plus zwei, die neben Tandems vor allem Fahrradanhänger produzierte, wurde später in Croozer unbenannt. Leider stellt Croozer heute keine Tandem-Fahrräder mehr her.

2 Antworten auf „Tandem fahren (1)“

  1. Servus Sebastian,

    zunehmend mit jedem deiner Berichte und Geschichten werden bei mir dadurch folgende Probleme immer Größer:

    1. es wird bei mir das Bedürfnis geweckt auch so tolle Fahrräder wie deine mein eigen nennen zu dürfen

    2. es entseht der Wunsch auch solche tollen Erlebnisse zu haben und ich schwinge mich in den Sattel meines Bikes

    3. du musst öfter schreiben damit die Zeit bis zu deinem nächsten Beitrag nicht so lange dauert und die Wartezeit damit verkürzt wird

    Aber diese Problome nehme ich liebend gern in Kauf und deshalb ein herzliches Danke für deinen Blog, der macht einfach Spaß!

    Und morgen geht´s bei mir und meiner Frau auch ab auf´s Bike, ich hoffe es bleibt nächste Woche auch noch schön, wir haben nämlich Urlaub und wollen noch die ein oder andere Tour unternehmen.

    Liebe Grüße Heinz

    1. Servus Heinz,

      Freut mich total, dass Du regelmäßig hierher findest und dann auch noch Spaß hast dabei. Mich freut auch, dass Du und deine Frau das Rad für Euch (wieder-) entdeckt habt. Nutzt das schöne Wetter und jede freie Zeit! Und ich versuche das natürlich auch. Und selbst wenn ich mich mal aufraffen muss, danach fühle ich mich jedesmal besser. Da wäre man ja blöd, es nicht zu tun .

      Beste Grüße
      Sebastian

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