Rahmenbau vom Feinsten

Wenn ich gefragt werde, welche optischen Eigenschaften mich an einem Rennradrahmen besonders ansprechen, muss ich nicht lange nachdenken: schlanke Stahlrohre, horizontales Oberrohr, dezente Farbgebung und eine hohe Verarbeitungsqualität.

Ergänzen kann ich das dann noch mit einem Verweis auf meinen eigenen Rennrad-Bestand.

Seit vergangener Woche sticht beim Blick auf eben diesen zumindest ein Rahmen deutlich heraus. Das hat auch damit zu tun, dass er moderner ist, aber eben nicht nur…

zircone by Horst Krämer

Diese Geschichte begann im vergangenen Dezember mit dem kurzen Treffen eines Gesinnungsgenossen. Nicht weniger Rennrad-verrückt als ich selbst, sammelt Gordon vor allem klassische japanische Rennräder, was allein schon etwas über seine Kenntnis der Materie aussagt. Mindestens spricht es für einen ausgeprägten Qualitätssinn.

Er erzählte mir begeistert von seinem Besuch bei Horst Krämer, einem der wenigen im Freizeit-Rahmenbau, die es geschafft haben, sich trotz ihres hobbybedingt überschaubaren Werkes, einen fast schon legendären Ruf zu erarbeiten – zumindest in einem begrenzten Kreis.

Zirkone aka Horst Krämer
Zircone 94#14 – ein Traum in blau und weiß.

Der Name Horst Krämer und seine Marke zircone waren auch mir schon begegnet und ich hatte sehr schnell ein Bild vor Augen: in Handarbeit gefensterte Edelstahl- und Chrom-Muffen sowie unglaublich sorgfältig verarbeite Stahlrahmen. Horst Krämer und seine Marke zircone stehen für leidenschaftlichen Rahmenbau, wie man ihn in dieser Perfektion und Hingabe nur sehr selten findet.

Gordon erzählte mir, dass Horst Krämer seine Schaffensphase altersbedingt schon vor einiger Zeit hätte einstellen müssen. Er hätte aber noch einen tollen Rahmen aus Columbus MAX-Rohren in meiner Größe, der mich schon aufgrund seiner Verarbeitungsqualität bestimmt umhauen würde.

Zircone triangolo
Zircone „triangolo“ aus Columbus MAX Rohrsatz

Dem ging ich nach und es kam so schnell wie unkompliziert zum direkten Kontakt. Der „Draht“ passte auch und als mich zwei Monate später eine Dienstreise sowieso in die Nähe brachte, war ein Besuch Ehrensache.

Zu Besuch beim passionierten Hobby-Rahmenbauer

„Sie sind also auch so ein Verrückter?“ begrüßte mich herzlich und mit einem Schmunzeln seine liebe Frau. „Doch mein Mann ist der Verückteste von allen!“

Der netten Dame konnte ich schon da nicht wirklich widersprechen: Wer lötet heute noch Rennrad-Rahmen, und das nur zum Spaß? Doch wenn man „verrückt“ im Zusammenhang mit Fahrrädern sagt, dann empfinde ich selbst das meist als Auszeichnung. Und ich könnte mir vorstellen, dass Horst das ganz ähnlich sieht.

Zircone by Horst Krämer
Verarbeitung vom Feinsten: Horst Krämers zircone Stahlrahmen.

Von seinen ersten Schritten als Rahmenbauer bis hin zu seinen letzten, eigenen Meisterwerken viele Jahre später, hat er seine Arbeitsschritte vom Rohrsatz zum einzelnen Rahmen sorgfältig dokumentiert. Begonnen hatte er als außergewöhnlich interessierter Kunde von Bernd Herkelmann, der schließlich auch selbst mit Hand anlegen will.

Für jeden seiner Schriftzüge hat er eine Schablone und neben ein paar verbliebenen Rahmen zieren auch zahlreiche kleinere Exponate seine Werkstatt. Vom Edelholz-Spacer über den selbstgemachten Steuersatz bis hin zum eigenen Edelstahl-Vorbau bezeugen sie alle die große Experimentierfreude vergangener Jahre.

Zircone aka Horst Krämer
Zircone 94#14: bei Horst Krämers Werken lohnt es sich genauer hinzusehen.

Auf immerhin gut vierzig Rahmen aus eigener Fertigung schaut er heute zurück, gar nicht wenig, wenn man bedenkt, mit welch erkennbarer Akribie er an jedem einzelnen davon gearbeitet hat. Den Rahmenbau betrieb er dabei immer als Hobby. Auf zircone-Rahmen fahren vor allem Freunde und Verwandte – und ein paar „Freaks“.

Ausfallende Zircone 94#14
Aufwändig gelasertes Ausfallende am Zircone 94#14

Seinen Lebensunterhalt verdiente Horst Krämer lange im eigenen Lackierbetrieb. Es ist also kein Zufall, dass er auch bei der Farbgebung seiner Fahrradrahmen nie Kompromisse eingehen wollte, und dass ihm dabei ganz offensichtlich kein Aufwand zu groß war.

Ein Privileg freilich, das sich ein professioneller Rahmenbauer gar nicht leisten könnte. Gemessen in Arbeitsstunden, wäre wohl kaum eines seiner Meisterwerke bezahlbar.

Zwei schöne Stunden und ein Mitbringsel

Ich hatte Horst schon vor meinem Besuch geschrieben, dass ich seinen „triangolo“ getauften Rahmen aus Columbus MAX-Rohren zwar unglaublich interessant fände, aber nicht wirklich damit zu rechnen sein, dass ich ihn auch mitnehmen würde.

Diesen toll verarbeiteten Rahmen nun selbst in den Händen zu halten und jede Muffe einzeln zu betrachten, ist dennoch ein tolles Erlebnis, wie der Besuch im Werkstattkeller von Horst Krämer insgesamt.

Inspiration, Rahmenbau, Lackierung

Vom Besuch seines Sohnes in Kanada inspiriert, entstand auch die Idee zum Lackschema des „Indian Summer“ getauften Modells. Gedanklich schon vom „triangolo“ gelöst, konnte ich das „Indian Summer“ nicht stehen lassen. In meiner Größe und mit seiner einzigartigen Lackierung sprach der Rahmen sofort mit mir.

Indian Summer by Horst Krämer
Das „Indian Summer“ hat eine einzigartige Lackierung: perlmuttweiß mit Ahornlaub.

Das „Indian Summer“ gefiel mir nicht nur wegen seiner permuttweißen Metallic-Lackierung, sondern vor allem durch die aufwändig lackierten (nicht etwa aufgeklebten!) Ahornblätter in Herbstfärbung – der Hammer!

Indian Summer by Zircone
Im Auftrags-Lötverfahren verbundene Columbus Megatubes und eine Hammer-Lackierung!

Dafür beiße ich dann auch in den für mich leicht säuerlichen Apfel, wieder mal ein Rennrad mit Carbongabel zu fahren. Optisch passt die Kinesis-Gabel sowieso sehr gut zu den im Auftrags-Lötverfahren verbundenen Columbus Megatubes, die bei Sitz- und Oberrohr mit ihrer von oben betont schlanken Silhouette trotz Oversizing gefallen.

Indian Summer by Zircone
Die Ahornblätter sind lackiert und danach mit mehreren Schichten Klarlack überzogen.

Dass nun auch ein Unikat von Horst Krämer meine kleine Sammlung ziert, gefällt mir jeden Tag besser. Über den weiteren Aufbau werde ich wohl noch etwas nachdenken müssen, aber auch so erfreue ich mich schon täglich an dem schönen Rahmen mit seiner einzigartigen Lackierung.

Zirkone Indian Summer
Handarbeit von Horst Krämer, ein seltenes Qualitätssiegel.

Mit dem „Neuen“ in Reihen meiner Rennräder habe ich dann gleich mit mehreren der eigenen Paradigmen gebrochen: es hat eine sehr aufwändige Lackierung, eine Carbongabel und obendrein sogar noch eine Sloping-Geometrie mit dickem Unterrohr. Doch manchmal muss man den Dingen einfach ihren Lauf lassen.

Rahmenbau mit Liebe zum Detail

Für das „Indian Summer“ konnte ich letztlich sogar recht leicht den roten „triangolo“ aus Columbus MAX stehen lassen, der für mich vor allem wegen seiner hohen Fertigungsqualität und Detailverliebtheit interessant gewesen wäre. Auch die Maße hätten freilich perfekt gepasst.

Vielleicht hat es mich aber auch gerade wegen der vielen verspielten Details nicht so berührt, denn wenn ich irgendetwas an Horst Krämers Werken bemängeln müsste, dann allenfalls, dass er es mit den Details für meinen Geschmack hier und da ein wenig übertrieben hat.

Hier ein Extra-Steg und dort eine kleine Zusatz-Applikation, in der Summe am roten „triangolo“ vielleicht etwas zu viel – für mich. Aber mir sind auch die vielen Pantografien auf den italienischen Klassikern der Achtziger-Jahre und der Glanz eines Colnago Mexiko Oro z. B. einfach too much, für andere jedoch das Maß der Dinge.

Steg am Indian Summer
Der Edelstahl-Steg zwischen den Kettenstreben glänzt lackfrei – ein wunderschönes Detail.

A tribute to Horst Krämer

Das „Indian Summer“ strahlt nicht nur durch seine Lackierung, sondern auch durch dezente Detaillösungen, wie den Edelstahl-Steg zwischen den Kettenstreben, der seine edle Oberfläche ganz ohne Lack zeigen darf. Auch die schöne Sattelklemmung und die Edelstahl-verstärkten Ausfallenden werten den Rahmen auf, ohne dabei optisch zu dominieren. Zircone, das ist Rahmenbau vom Feinsten.

Indian Summer by Horst Krämer aka zircone
Ein toller Rahmen mit wunderbarer Lackierung: Mein „Indian Summer“ by zircone.

Vor Jahren der Geburt seiner Enkelin gewidmet, ist der tolle Rahmen mit dem schönen Namen Indian Summer nun bei mir gelandet. Ich weiß das wirklich zu schätzen und ich werde ihn in Ehren halten! Und natürlich werde ich ihn fahren, wenngleich sogar meine Frau meinte, dass der Lack fast zu schade dafür wäre – aber eben nur fast.

Noch mehr Bilder gibt es hier.

10 Antworten auf „Rahmenbau vom Feinsten“

    1. Hallo Manfred,

      ich habe sie leider nur noch beim rausgehen auf dem Weg zum Fasching erwischt und hatte schon ein bisserl schlechtes Gewissen, da ich Horst mit meinem Besuch abgehalten habe, sie dahin zu begleiten (Horst schien dafür nicht undankbar). Die trotzdem wie selbstverständlich offerierte Bewirtung habe ich abgelehnt, da ich gerade vom Essen kam.

      Beste Grüße nach Neuseeland
      Sebastian

    1. Hallo Thorsten,

      da bin ich natürlich voll bei Dir! Wenn sich der Rahmen jetzt auch noch so gut fährt wie er handwerklich gemacht ist und aussieht… dann wäre das schon der Hammer. Große Zweifel habe ich da aber irgendwie nicht. Vielleicht hat ja einer der Leser hier schon Erfahrung mit einem zircone…

      Beste Grüße
      Sebastian

  1. Hai,
    ich habe mir 2012 von Horst einen Maß-Rando-Caferacer bauen lassen aus Columbus Spirit-for-Lugs Rohren, Edelstahlhinterbau und -muffen. Auch die Gepäckträger sind aus Edelstahl selbstgebaut.
    Verarbeitung und Ausführung über jeden Zweifel erhaben !
    Ist mein absolutes Lieblingsrad das eines Tages meine Kinder erben werden.
    Gruß von Jörg

  2. Servus Sebastian,
    ich habe deine Geschichte erst heute gelesen und die Vorfreude darauf war um so größer, da ich schon vor Tagen im mail Eingang gesehen habe – was neues von Sebastian!

    Was soll ich sagen, erst mal herzlichen Glückwunsch, der Rahmen, Lackierung und die Story dazu ist der Hammer.

    Viel Spaß beim Aufbau – ich hoffe du zeigst mir das Ergnis Live.

    Bleib mit deiner Family gesund, LG Heinz

    1. Servus Heinz,

      der Aufbau geht dank der aktuellen Situation erstaunlich schnell voran, wieviel Zeit man so ganz ohne Termine plötzlich hat. So kann ich dieser unglaublichen Corona-Krise wenigstens auch ein paar positive Aspekte abgewinnen. Sie entschleunigt unser aller Leben schon ganz beträchtlich. Ich hoffe, wir überstehen diese Zeit gut und es bleiben am Ende ein paar wichtige Erkenntnisse zurück! Bleibt gesund!

      Beste Grüße
      Sebastian

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