L’Eroica affascinato

Faszination Eroica Gaiole.

Meine jährliche Reise ins italienische Chianti zur Eroica begeistert mich jedes Mal ein wenig mehr, ein anderes Fazit kann ich auch dieses Jahr einfach nicht ziehen.

Dabei dachte ich in Anbetracht des doch beträchlichen Aufwands vor meiner Abreise dieses Jahr ernsthaft darüber nach, ob man es nach drei aufeinander folgenden Teilnahmen nicht erst einmal gut sein lassen sollte…

Vom besonderen Reiz der Eroica

Von Radda in Chianti kommend manövriere ich meinen Ford Nugget gerade die Abfahrt auf der Strada Provinciale 2 nach Gaiole hinunter, die sich mit einem Rennrad doch so viel schöner fährt, da winkt mir schon der erste Rennfahrer zu.

Ich dachte gleich, dass mir der Fahrstil bekannt vorkommt. Gute Freunde erkennt man auf dem Rad sofort. Es ist Axel, der mich umgehend zu seiner herrlich gelegenen Unterkunft ein paar hundert Meter oberhalb Gaioles einlädt und mir dort einen phantastischen Stellplatz für meinen Camper anbietet.

L'Eroica Domizil
Unser Domizil oberhalb von Gaiole: Traumhaft schön, aber nur mit Mühe zu erreichen.

Nach meinen Beiträgen aus den Vorjahren (L’Eroica Gaiole und Wir sehen uns in Gaiole) muss ich wohl nicht erwähnen, dass wir auf dem kurzen Weg dorthin noch einen kurzen Cafe-Stop in der Jolly-Bar einlegen. Ich bin kaum 10 Minuten da, aber schon mit Haut und Haaren angekommen. Das werden wieder tolle Tage!

Was alle hier verbindet

Acht Männer mit einem Spleen für Rennrad-Kultur, ein Dutzend alter Rennräder und ein toskanisches Landgut mit grandioser Aussicht auf Gaiole, was für ein Spaß!

Schon am ersten Abend werden beim gemeinsamen Grillabend aus acht zwei Dutzend (jetzt inkl. radbegeisterter Frauen), die sich Bistecca, Grillwürste und diverse Antipasti teilen und in Unterhaltungen dem gemeinsamen Hobby frönen.

Gemeinsame Ausfahrt vor L'Eroica
Die gemeinsamen Ausfahrten vor der Eroica gefallen mir kaum weniger als das Event selbst.

Jeder von uns geht im Alltag einem ganz anderen Beruf nach. Wir kommen aus ganz unterschiedlichen familiären Verhältnissen und verteilen uns auf ganz Deutschland und sogar die Schweiz. Doch das gemeinsame Interesse macht die Gespräche leicht, ganz ohne dass es des üblichen Small-talks bedürfte.

Wir haben uns im Laufe der letzten Jahre in unterschiedlichen Konstellationen hier kennengelernt. Und das ist nur ein Teil der angenehmen Bekanntschaften, die ich im Rahmen der Eroica schon machen durfte. Jedes Jahr werden es ein paar mehr und ein persönliches Fernbleiben damit immer schwerer vorstellbar.

Die Eroica ist einfach das Original

Man trifft sich zwar auch bei anderen Klassiker-Ausfahrten wie der In Velo Veritas, aber doch nie so geballt wie hier. Nach Gaiole zieht es schlicht die meisten. Und sie eint nicht nur die Vorliebe für klassische Rennräder, sondern auch eine Affinität für diese besondere Mischung aus wunderbarer Landschaft, hervorragender Küche und italienischer Radsport-Leidenschaft.

Strade Bianche bei L'Eroica
Faszination Eroica: Einmal im Jahr muss ich mit einem Rennrad auf die Strade Bianche.

Nicht jeden spricht das an, aber bei wem der Funke erst einmal übergesprungen ist, den zieht es immer wieder hierher in die Monti del Chianti.

L'Eroica Rennradteil-Markt
Der Teile-Markt sucht seinesgleichen. Das Angebot ist groß, aber nicht immer günstig.

Auch einen nur annähernd so umfangreichen Rennrad- und Fahrradteile-Markt habe ich woanders noch nicht gesehen. Vor allem in den zwei Tagen vor dem eigentlichen Event-Wochenende ist es hier am interessantesten.

L'Eroica Olmo Sporttasche
Ein Blickfang: betagte Olmo-Sporttasche an einem Stand für die ganz alten Sachen.

Das Angebot vor allem italienischer Rennräder und Komponenten empfand ich dieses Jahr noch größer und besser als in den vergangenen Jahren. Da sich während der Eroica jedoch viel Kaufkraft hier sammelt und nicht immer im selben Maße auch Expertise, sollte man mit Ruhe und bedacht über den Markt gehen. Nicht selten findet sich das gesuchte Teil an einem späteren Stand in besserem Zustand oder zu einem günstigeren Preis.

Die Strecken

Die klassischen Strecken der Eroica Gaiole sind in den meisten Fällen seit vielen Jahren die selben, aber sie fahren sich dennoch jedes Jahr anders. Die Strade Bianche, wie man die Naturstraßen hier nennt, verändern sich in ihrer Beschaffenheit nämlich nicht nur mit den aktuellen Wetter-Bedingungen. Auch das Wetter der Vormonate hat einen Einfluß auf die Schwierigkeiten, die sie den Fahrern entgegen setzen.

Unvergessen bleiben mir die Waschbrett-ähnlichen und extrem staubigen Pisten, die ich vor zwei Jahren hier vorfand. Im Vergleich dazu präsentieren sie sich dieses Jahr bei strahlendem Sonnenschein und Anfang zwanzig Grad bis auf wenige Stellen hinauf zum Monte Santa Marie sehr griffig und gut fahrbar. Staubig ist es natürlich trotzdem.

L'Eroica: auf dem Weg zum Monte Santa Marie
Hinauf zum Monte Santa Marie: lang und steil bergauf im Wechsel mit kurzen, extrem steilen Bergab-Passagen.

Zusätzlich zu den klassichen Strecken über 46, 81, 135 und 210 Kilometern gibt es in diesem Jahr sogar noch eine neue über 106 Kilometer. Die könnte sich als eine gute Ergänzung zum bestehenden Streckenangebot erweisen, auch weil man sich so noch nach 50 Kilometern für eine Abkürzung entscheiden kann.

Die richtige Länge

Schon bei meiner ersten Teilnahme hat sich mir die 135-Kilometer Runde (damals wegen einer Umleitung noch 144 km lang) als ausreichend fordernd eingebrannt. Und so bin ich auch dieses Jahr auf dieser Strecke in die Crete Senesi unterwegs.

Nach nicht weniger als acht Stunden – inklussive ausgiebiger Verpflegungspausen, die bei L’Eroica einfach obligatorisch sind – komme ich zufrieden und einigermaßen geschafft zurück in die Jolly-Bar, wo schon die Schnelleren der Freunde warten.

Eroica 2019: Seblog im Ziel
Nachdem ich fast acht Stunden unterwegs war, freue ich mich über die Zielpassage.

Bei Bier und Aperol-Spritz komme ich mit Hubert aus dem Allgäu ins Gespräch, der mit mir nicht nur die Rennrad-Leidenschaft, sondern sogar den Nachnamen teilt. Wir haben uns einiges zu erzählen, und so vergeht die Zeit im Flug, während sich andere noch bis in die Nacht auf der langen Strecke plagen.

Jolly-Bar Gaiole
Nach der Eroica trift man sich vor der Jolly-Bar.

Zu viel Ehrgeiz passt nicht zur Eroica

Es ist nicht so, dass ich mir die lange Strecke nicht mehr zutrauen würde, aber es bliebe doch viel von dem Reiz, den die Eroica für mich ausmacht, auf der Strecke. 210 Kilomter auf dem Terrain der Eroica sind mit einem normalen Radmarathon nicht vergleichbar, sie sind so viel härter. Nur die wenigsten hier sind in der Lage, auf den längeren Strecken einen Schnitt von mehr als 20 Kilometern in der Stunde zu fahren, und das macht das Unternehmen einfach sehr sehr lang.

Mir würde deshalb schon in den Tagen vorher die Lockerheit fehlen, die ich brauche, um z.B. im Teilemarkt und der besonderen Atmosphäre des Festivals so aufzugehen wie bisher. Auch das Bistecca bei den gemeinsamen Grillabenden möchte ich nicht nur mit Wasser, sondern mit dem ein oder anderen Glas des köstlichen Barone di Ricasoli genießen. Aber das ist eine ganz individuelle Entscheidung. Es gibt genug, die beides können.

L'Eroica: zu viel Ehrgeiz schadet nur
Die Schwierigkeiten der Eroica meistert man altersgerecht mit Erfahrung und Gelassenheit.

Zu viel Ehrgeiz sollte man zur Eroica nicht mitbringen, es passt einfach nicht zum Charakter der Veranstaltung. Unterwegs erzählt mir ein deutscher Teilnehmer, der wohl zum wiederholten Male vom Rad muss, dass er sein Rad vorher noch nie weiter geschoben habe, als aus der Garage. Auch das ist die Eroica, sie lehrt einen Demut.

Unterwegs mit dem Deutsch-Holländer

Bis zum Samstag bin ich mir nicht sicher, ob ich am Sonntag mit meinem wirklich eleganten 76er Tsunoda Renner oder doch lieber mit dem neuen 70er Rickert-Batavus starten soll. Das Tsunoda nimmt mir letztlich die Wahl ab, da es mich noch am Samstagnachmittag mit einem Knacken aus dem Tretlagerbereich beglückt, dessen Ursache ich nicht auf die Schnelle ausmachen kann.

L'Eroica mit dem Rickert-Batavus Rennrad aus dem Jahr 1970
Mein 1970 von Hugo Rickert gefertigtes Batavus-Rennrad lief wie ein Uhrwerk.

Das unscheinbare Batavus habe ich erst vor wenigen Monaten gekauft. Es ist ein besonderes Rad, da es zwar einen originalen Batavus-Anstrich trägt, aber in der Zeit, als Hennes Junkermann für Batavus fuhr, von Hugo Rickert in Deutschland gefertigt wurde. Das ist nicht nur anhand der typischen Strichsignatur seiner Frau Doris erkennbar, sondern an der Machart des ganzen Rahmens.

Seblog's Rickert-Batavus aus dem Jahr 1970
Mein Batavus Rennrad Modell „Hennes Junkermann“ mit Doris-Strichen (1970).

Der für diese Zeit sehr leichte Deutsch-Holländer erweist sich dann auch als zuverlässiger und angenehmer Untersatz auf den rauhen Pisten der Toskana, so dass ich wieder einmal allein mit mir selbst und nie mit dem Rad zu kämpfen habe.

Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn ein eigenhändig bis zur letzten Schraube zerlegtes, danach gepflegtes und wieder aufgebautes Rad unter den Härtebedingungen der Eroica wie ein Uhrwerk funktioniert.

L'Eroica mit dem Rickert-Batavus hinauf zum Monte Santa Marie
Auf dem Weg zum Monte Santa Marie wird das Woll-Trikot ganz schön warm.

Auch das ist ein Teil der Faszination Eroica: Sie beginnt nicht erst zum Festival selbst, sondern bereits Monate vorher, wenn man sich erstmals Gedanken darüber macht, auf welchem Rad man dieses Jahr dort starten wird.

11 Antworten auf „L’Eroica affascinato“

  1. wie immer, sebastian – du machst einfach gusto;
    ich möcht sofort dorthin
    ich überleg schon mit welchem radl – aber bis oktober 20 ist noch zeit
    vorher IVV20
    danke für die lobende Erwähnung!

  2. Lieber Sebastian. Es ist mir Ehre und Freude zugleich, ein kleiner Teil deiner wunderbaren Geschichte zu sein. Morgen es noch viele gemeinsame Teilnahmen werden. Eroica und du, ihr beiden habt einen großen Platz in meinem Herzen. Danke dafür.

    1. Marc, es freut mich, dass ich Dich und Katha dieses Jahr endlich persönlich kennengelernt habe! Von Euren tollen Radreisen hatte ich ja vorher schon gelesen. Auf ein baldiges Wiedersehen!

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian, einfach super als, freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag. Hast du deinen Liegeboliden schon bekommen, bin gespannt was du nach den ersten Trips sagst. Bin immer noch ganz auf Wolke 7 mit meinen neuen Sellotto Sattel. VG Heinz

    1. Hallo Heinz,

      es freut mich, dass Du immer wieder hier rein schaust und noch mehr, dass Du dank des neuen Sattels wieder mehr aufs Rad kommst!

      Mit meinem Liegerad-Trike habe ich die ersten 200 km absolviert und was soll ich sagen: es macht einfach Spaß. Komme mir damit vor wie Nobody, der sich von seinem Pferd auf der Liege ziehen lässt, statt selbst zu reiten, so komfortabel ist das. Und wenn ich mir bei schöner Aussicht sonst einen Liegestuhl gewünscht habe, muss ich jetzt nur anhalten und sitzen bleiben.

      Mehr davon in Kürze, wird der nächste Beitrag!

      Beste Grüße
      Sebastian

  4. Hallo Sebastian,

    toller Bericht. Ich habe mich tatsächlich an die 209er herangewagt und war schließlich nach 14 Stunden im Ziel, inkl. Sturz, Reparatur des Tretlagers und eben sehr kurzen Aufenhalten bei den Verpflegungsstationen. Danach stand für mich fest, dass es in den nächsten Jahren sicher die kürzeren Distanzen werden. Die 209er ist schon aufgrund der Länge zm Schluß irsinnig hart. Die mittleren Strecken bin ich in den letzten Jahren zweimal gefahren und es ist so wie Du es beschreibst, man hat einfach mehr Muße diese Veranstaltung zu genießen. Vielleicht sehen wir uns in 2020….bis dahin.

    Liebe Grüße aus Hamburg
    Gabriel

    1. Hallo Gabriel,

      zunächst mal Respekt für die Heldenrunde! Freut mich, dass Du hierher gefunden hast und dass Dir mein Beitrag gefallen hat. Würde mich freuen, wenn wir uns nächstes Jahr über den Weg laufen. In der Jolly-Bar ist die Wahrscheinlichkeit hoch 🙂 … wenn ein japanisches Rad davor steht, noch höher!

      Beste Grüße aus dem Süden der Republik
      Sebastian

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