Bianchi Specialissima

Es gibt eine gute Handvoll Rennräder, die in keiner richtigen Rennrad-Sammlung fehlen dürfen. Ein Bianchi Specialissima im Farbton celeste gehört ganz sicher dazu.

Ein hochwertiges Rennrad von Bianchi aus den Siebziger-Jahren stand zwar schon ein paar Jahre auf meinem Wunschzettel, aber richtig gesucht habe ich danach nie. Dank eines Mitstreiters, dem seines zu klein war, hat mich trotzdem eines gefunden. Und so drehe ich seit März einen erheblichen Teil meiner Runden auf einem Bianchi Specilissima aus dem Jahr 1975. Und das macht richtig Spaß…

Bianchi: alles Hype oder was?

Nun zähle ich mit meinen in der Anzahl von sechs bis zehn schwankenden Rennrädern sicher nicht in die Kategorie der richtigen Sammler und möchte dies wohl auch gar nicht. Dennoch kann ich mich dem Reiz eines klassischen Sammlerobjektes manchmal nicht entziehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Und so war es eben auch diesmal.

seblog.de Bianchi Specialissima Rahmen
Ein gut erhaltenes Bianchi Specialissima Rahmenset, so wie ich es bekommen habe.

Bereits im Jahre 1885 gegründet, ist Bianchi die älteste Fahrrad-Marke, die heute noch von Bedeutung ist, auch wenn sie – wie die meisten noch bestehenden Traditionsmarken – immer wieder verkauft wurde und heute längst Teil einer größeren Unternehmensgruppe ist.

So ist Bianchi auch heute zumindest noch eine interessante Marke, bietet sie doch all das, was sich Marketing-Spezialisten dafür wünschen. Nur kreieren sie sich die Zutaten heute wie selbstverständlich selbst: Geschichten, Erfolge und ein eindeutiges Erkennungsmerkmal.

Sowohl die Farbe Celeste als auch die Marke Bianchi polarisieren. Doch das muss man sich erst verdienen.

Auf Rennrädern von Bianchi wurden nicht einfach nur die meisten großen und traditionsreichen Radrennen gewonnen. Mit Bianchi verbindet man Radsport-Ikonen wie Fausto Coppi, große Innovationen und vor allem diese wunderbar zeitlose Farbe “Celeste”, die von ihren Fans zärtlich gehaucht und von anderen verächtlich als “brückengrün” verspottet wird. Egal wie man sich dazu stellt, sie ist heute so angesagt wie vor Jahrzehnten, und ein Bianchi in celeste ist immer mehr wert als ein vergleichbares Bianchi in jeder anderen Farbe.

Fausto Coppi auf Bianchi
Fausto Coppi auf Bianchi (abfotografiert von: Tour de France 1949, Druck argentique, Urheber: L’ EQUIPE)

Bianchi Rennräder aus der Hochzeit der Stahlrahmen, d.h. vor etwa 1990, lassen sich heute sehr leicht verkaufen. Man findet sie zahlreich bei allen Klassiker-Events. Sie sind bei Studenten als cooles Fortbewegungsmittel genauso beliebt wie bei langjährigen Sammlern. Letztere beschränken sich bei ihrer Suche jedoch meist auf die seit den Sechziger-Jahren Specialissima getauften Top-Modelle.

Bianchi Specialissima (1975)

Für mein Bianchi Specialissima erwarb ich Anfang des Jahres zunächst ein Rahmenset. Es war bei meinem Vorbesitzer mit einer kompletten Shimano Dura-Ace EX Gruppe ausgestattet. Ich wollte es sowieso lieber als typisches “Specialissima Campagnolo” aufbauen und war dankbar, dass ich es als Rahmenset erwerben konnte.

Eine Campagnolo Nuovo Record Gruppe in schönem Zustand hatte ich zum größten Teil noch liegen. Nur einen Laufradsatz mit den damals eher untypischen aber trotzdem zeitgemäßen Drahtreifenfelgen musste ich mir noch bauen. Die passenden Mavic Module E Felgen aus den Siebzigern lieferte ein Freund.

Die Bianchi Specialissima Rennräder der 70er sind auf das notwendigste reduziert: funktional und trotzdem elegant.

Die Specialissimas der Siebziger-Jahre unterscheiden sich von den späteren Modellen auch dadurch, dass sie mehr oder weinger neutral ausgestattet wurden. Die späteren Modelle gab es hingegen kaum noch ohne pantografierte, d.h. mit Bianchi-Schriftzug gravierte, Anbauteile.

seblog.de Bianchi Specialissima 1975
Noch in der Keller-Werkstatt: mein Bianchi Specialissima von 1975 nach Neuaufbau.

Die späteren Modelle der 80er und frühen 90er Jahre bekamen nicht nur auffälligere Rahmendetails, z.B. mit Sichtchrom und Gravuren, sondern klotzten geradezu mit pantografierten Komponenten: mindestens Vorbau, Sattelstütze und Kettenblätter zierten Bianchi-Schriftzüge.

Dazu kamen zunehmend in Leder eingenähte Lenker und speziell gefräste Bremskörper. Alles Details, die einen originalen Neuaufbau heute nicht nur erschweren, sondern auch teuer machen.

Die für die 80er typischen Pantografien der späteren Modelle sprechen mich eher nicht an.

Ich konnte den pantografierten Bauteilen der vorwiegend italienischen Hersteller nie viel abgewinnen. Auch deshalb üben unter allen Bianchi Specialissima Modellen die der Siebziger-Jahre die größte Anziehungskraft auf mich aus.

Sie sind einfach auf das notwendige reduzierte Rennmaschinen, ohne Schnörkel und überflüssigen Schmuck. Im direkten Vergleich zu den späteren X3 und X4 Specialissima Modellen strahlen sie für mich gerade durch die Reduktion sogar die größere Eleganz aus, aber das darf natürlich jeder sehen wie er mag.

Bestimmung des Baujahres

Zeitlich lassen sich die Bianchi Specialissima Rennräder der 70er Jahre nicht nur durch spezifische Rahmendetails auf der Gabelbrücke und den Sattelstreben einordnen. Eine Gravierung der Sattelmuffe macht es besonders einfach: rechts sind Herstellungjahr und Monat eingeschlagen, links die laufende Seriennummer im jeweiligen Jahr.

Pro Jahr wurden in den Siebziger Jahren angeblich nicht mehr als tausend dieser Rahmen hergestellt: mein Rahmen hat die Nr. 884 eingeschlagen und wurde im Oktober 1975 hergestellt.

seblog.de Sattelmuffe Bianchi Specialissima
Einfache Datierung anhand der Sattelmuffe: 5.10 steht für Oktober 1975.

Leider ist die Reihenfolge von erst Herstellungsjahr und dann -Monat wie bei meinem Specialissima nicht stringent, sie wurde zwischendurch auch mal gedreht. Ganz außer Acht lassen kann man die übrigen Rahmendetails also nicht. Wohingegen 5.10 nur für Oktober 75 stehen kann, könnte 5.8 sowohl für August 75 als auch Mai 78 stehen.

Bei den späteren Modellen der Achtziger- und Neunziger Jahre machten die wesentlich größeren Stückzahlen sowieso einen Systemwechsel nötig und die Seriennummern, die nunmehr wie bei den meisten Herstellern unter dem Tretlagergehäuse eingeschlagen wurden, lassen leider kein wirklich nachvollziehbares System mehr erkennen.

seblog.de Bianchi Specialissima unterwegs
Unterwegs auf den oberbayerischen Nebenstraßen: mein neuer Lieblingsrenner!

Auf der Straße: leicht und schnell

Unterwegs zeigt das Bianchi Specialissima seine Renn-Gene. Die Rahmen-Geometrie ist für ein Rennrad aus dem Jahr 1975 einfach sensationell. Aus meiner Sicht war Bianchi in Sachen Fahrdynamik damals zehn Jahre weiter als die meisten anderen Hersteller.

Schon beim Aufbau offenbarte der Rahmen den professionellen Anspruch durch Verzicht auf jegliches überflüssige Material. Die Verbindungen tragen kaum auf, die Sattelmuffe ist gerade halb so stark wie gewohnt, und die Rohre verjüngen sich in der Mitte auf sagenhafte 0,5mm Wandstärke. Trotzdem ist der Rahmen ausreichend steif und die Lenkung sehr direkt.

seblog.de Specialissima 1975
Hat mittlerweile ein Specialissima aus dem gleichen Jahr: Radfreund Axel neben meinem Bianchi.

Das Bianchi Specialissima ist derzeit ganz klar mein Lieblingsrenner. Es verstärkt außerdem den Eindruck, den ich schon im vergangen Jahr bei Ausfahrten mit meiner ähnlich dynamischen Gitane Olympic (1980) bekam. So perfekt die Japaner in diesen Jahren ihre Rahmen verarbeitet haben, an die dynamischen Fahreigenschaften der prominentesten Europäer kamen ihre Rennräder in der Regel nicht heran.

Auf der anderen Seite sollte man den Lack und die Verbindungen eines Bianchi Specialissima sowie einer Gitane Olympic nicht mit der Lupe inspizieren, etwas das meine Centurion-Rennräder völlig kalt lassen würde.

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