Mein Fluchtfahrzeug – das ICE Trike

Seitdem ich im Herbst 2019 dem ziemlich überraschenden Impuls zum Kauf eines Liegerad-Trikes nachgegeben habe, sind schon wieder mehr als 18 Monate ins Land gegangen. Zeit für einen zweiten Erfahrungsbericht zum Liegeradfahren und meinem ICE Sprint X.

Warum ein Liegerad?

Wenn man sich nach mehr als drei Jahrzehnten als Rennradfahrer und Fahrrad-Enthusiast ein Liegerad kauft, dann muss es schon wegen der hohen Anschaffungskosten ein paar Gründe geben, die über das gerne zitierte “Weil es da ist!” hinausgehen.

Ich glaube, die hatte ich.

Und nochmal etwas ausführlicher…

  • Meinem Dammbereich mißfällt seit langem das wiederholt lange Sitzen im Fahrrad-Sattel, woran auch der beste Sattel nichts ändern kann.
  • Meine durch das viele Sitzen im Job sowieso schon belasteten Lendenwirbel ächzen immer öfter unter der Sattelüberhöhung des Rennrades.
  • Und auch mein Herz braucht längst keinen Renn-Charakter beim Fahrradfahren mehr.
ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de Setup
Mein ICE Sprint X Liegerad-Trike im aktuellen Setup.

Natürlich sind das alles Wehwehchen, mit denen ich gerade unter älteren Radsportlern nicht allein da stehe, und die auch auf dem Rennrad mit der passenden Geometrie und Ausstattung zumindest gemildert werden können – aber eben nicht egalisiert. Letztlich war ich im September 2019 jedenfalls der Meinung, dass ich den Kauf vor mir selbst rechtfertigen könnte (siehe hierzu auch meinen ersten Erfahrungsbericht: https://seblog.de/ice-sprint-x-liegerad-trike/).

Der ewige Vergleich

Der Vergleich zwischen dem geliebten Rennrad und dem neuen Liegerad stand also von Beginn an im Raum und auch der erfahrene Verkäufer versuchte seinerzeit sofort, meine Erwartungen möglichst gut zu hinterfragen, damit der spätere Vergleich nicht damit enden würde, dass ein weiteres Liegerad sein Dasein in einer düsteren Garage fristen würde, bis es irgendwann doch wieder in den Warenkreislauf käme.

Und tatsächlich habe ich angefangen, das Liegerad ins Verhältnis zum geliebten Rennrad zu stellen, kaum dass ich die ersten Ausfahrten hinter mir hatte.

ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de Spiegel
Ein Rennradfahrer nähert sich von hinten – da ist Widerstand meist zwecklos.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Vergleich zum Rennrad sind auch mehr als ein Jahr danach geblieben. Sie bestimmen mein heutiges Verhältnis zum Liegerad und erklären, wie und wann ich es heute nutze:

Das Rennrad ist sehr viel leichter, praktischer und vor allem bergauf auch schneller. Es eignet sich wesentlich besser für Ausfahrten zu zweit oder in der Gruppe und natürlich wird die Eleganz und das Fahrverhalten eines klassischen Rennrades von keinem anderen Fahrrad auch nur annähernd erreicht. Ihr seht, ich bin da ganz unvoreingenommen 😉

ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de bergauf
Wenn es sehr steil bergauf geht, dann wird es auf dem Liegerad mitunter zäh.

Das Liegerad-Trike hingegen ist viel bequemer, schont Rücken, Handgelenke und ganz besonders meinen empfindlichen Dammbereich (Prostata). Es belastet auch den Kreislauf weniger und man nimmt die Landschaft (Sitzposition mit Panorama-Perspektive!) einfach noch mehr in sich auf, als auf einem Rennrad oder auch einem gewöhnlichen Fahrrad.

Das Liegerad-Trike lässt sich außerdem fast beliebig beladen, ohne dass sich sein Fahrverhalten dadurch wesentlich ändert.

Für mich erfüllt das Liegerad damit im Grunde alle Erwartungen, die ich damit verbunden habe.

Fluchtfahrzeug

Seit meinen frühen Radreisen als Jugendlicher vor etwa 30 Jahren möchte ich im Grunde immer ein fertiges Reiserad und das ganze Equipement, was man für eine Radreise braucht, fertig im Keller haben.

Ich verbinde damit einfach das Gefühl, jederzeit aufbrechen zu können, wenn ich die große Freiheit auf der langen Meile wieder erleben möchte.

ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de Gepäckträger
Immer bereit für die große Tour – mein ICE Sprint X mit Gepäckträger und Schutzblechen.

Letztlich begnüge ich mich meist damit, nur einen kleinen Anflug davon bei meinen feierabendlichen Runden zu erfahren. Denn mit Kind, familiären und beruflichen Verpflichtungen lassen sich längere Radabenteuer eben nicht mehr einfach so durchziehen. Blöd war natürlich auch, dass kurz nachdem der Tieflieger bei mir einzog, auch noch das Corona-Virus mit seinen Einschränkungen um die Ecke kam.

Aber! … Ein passendes Gefährt für mehr stand die ganze Zeit parat: mein kleines Fluchtfahrzeug, wie ich es gerne nenne.

ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de Fluchtfahrzeug
Idealer Gefährte für entspannte und gerne auch lange Touren: das Liegerad-Trike.

Wahrscheinlich unnötig zu sagen, dass den Platz des Fluchtfahrzeugs für die große Reise derzeit das ICE Sprint X bei mir einnimmt. Es ist auch nicht zufällig mit Schutzblechen und Gepäckträger ausgerüstet, selbst wenn ich damit meist nur 2-3 Stunden in der näheren Umgebung unterwegs bin.

Überhaupt sehe ich für die Radreise nur eine echte Schwäche des Liegerades: es ist bescheiden unhandlich. Gerade für den Rücktransport bereitet mir das schon ein wenig Kopfzerbrechen.

Jedenfalls schleppe ich wegen den diversen Anbauten für die Reise der Zukunft die ganze Zeit mehr Balast damit herum, als wirklich nötig wäre, was den Vergleich mit meinen Rennrädern vielleicht auch nicht ganz fair gestaltet – ich müsste es eigentlich eher mit einem Tourenrad vergleichen.

Die oben genannten Unterschiede würden sich aber trotzdem nicht grundlegend ändern.

Entspannung pur – und allein

Letztlich spielen die bei meinen Liegeradausflügen bisher auch gar keine so große Rolle. Ich bin damit im Vergleich zum Rennrad eben meist nur mit einem guten 20+ Schnitt unterwegs, wenn vielleicht auch 25- möglich wären.

Wenn ich mit dem Liegerad fahre, dann bin ich schon aufgrund der entspannten Sitzposition meist völlig gelassen unterwegs. Ich sauge die Umgebung in mich auf, erfreue mich am tollen Fahrgefühl und träume dabei gelegentlich fast automatisch von viel mehr als nur Tagesausflügen. Komme ich vom Liegeradfahren zurück, könnte ich entspannter nicht sein. Ein tolles Gerät.

ICE Sprint X Liegerad Trike seblog.de Sonne
Mit der Sonne im Gesicht auf der entspannten Feierabendrunde.

Ich möchte mein ICE Trike einfach nicht mehr missen, auch wenn ich immer noch etwa in einem Verhältnis von 3 zu 1 auf dem Rennrad sitze. Ich fürchte, das wird sich schon altersbedingt irgendwann noch weiter verschieben.

Letztlich liegt es aber auch daran, dass ich einfach gerne zusammen mit einem Freund oder meinem Sohn unterwegs bin. Für das Fahren in der Gruppe nämlich, eignet sich das Liegerad so überhaupt nicht. Es ist schlicht zu breit und zu tief für eine entspannte Konversation mit “gewöhnlichen” Radfahrern – oder auch anderen Liegeradfahrern.

Herzschonend unterwegs

Neben der angenehmen Ergonomie des Liegeradfahrens ist die geringere Belastung des Herzkreislaufsystems ein sehr angenehmer Nebeneffekt für meine individuelle körperliche Verfassung. Auf dem Liegerad kommt man tatsächlich wesentlich schwerer in hohe Pulsbereiche (>80% HFmax).

Ich leide schon seit gut zehn Jahren unter einer linksventrikulären Myokard-Hypertrophie (krankhaft verdickte Herzscheidewand). Deshalb meide ich die ganz hohen Kreislaufbelastungen so gut es geht, um die Verdickung nicht weiter zu befördern und auch, um unangenehmen Herzrhythmusstörungen aus dem Wege zu gehen.

Über die möglichen negativen Auswirkungen des Radsports auf das Herz habe ich ja schon einmal geschrieben: https://seblog.de/wenn-radsport-das-herz-stresst/

Die niedrigere Kreislaufbelastung beim Liegeradfahren führe ich darauf zurück, dass man nur mit den Beinen wirklich arbeitet. Die komplette Haltearbeit des Oberkörpers entfällt.

Auch der Ganzkörpereinsatz beim Wiegetritt, mit dem man sich sonst recht schnell in einen höheren Pulsbereich katapultieren kann, ist beim Liegerradfahren einfach nicht möglich, was auf der anderen Seite neben dem hohen Systemgewicht allerdings auch ein Grund für die schwache Kletterfähigkeit des Liegerades ist.

Das Liegerad fordert dafür vor allem die Oberschenkel-Muskulatur noch spürbar mehr als das gewöhnliche Fahrrad, aber die funktioniert bei mir zum Glück noch ziemlich gut.

Mein nächster Erfahrungsbericht zum ICE Trike kommt dann hoffentlich gepäcklastig daher, nach der ersten echten Reise damit!

2 Antworten auf „Mein Fluchtfahrzeug – das ICE Trike“

  1. Hallo Sebastian, hier sind es gerade windige 12 Grad mit Sonnenschein. GMX informierte mich, dass es einen neuen Blogeintrag gibt. Also rein in den Stradkorb,Becher Kaffee und etwas Schokolade dabei. Beine ausgestreckt und lesen. Obwohl ich mit Liegerädern no h nie in Berührung gekommen bin war deine Geschichte sehr interessant. Beim lesen deiner Geschichten habe ich immer das Gefühl, ich „unterhalte“ mich mit einem Freund. Ich habe die Ablenkung und kurze Auszeit die du mir mit der Geschichte geschenkt hast sehr genossen. Danke dafür.
    Liebe Grüße aus Lüneburg, Marcus

    1. Hallo Marcus,

      Vielen Dank für Deinen wirklich super netten Kommentar. Habe mich gedanklich sofort in deinen Strandkorb versetzt und musste mir natürlich auch gleich noch einen Kaffee machen 😉

      Beste Grüße aus dem etwas wärmeren Süden (17 Grad)
      Sebastian

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