ICE Sprint X Liegerad – Trike

Neuer Spleen oder geniale Idee?

„Das ist doch gar kein richtiges Fahrrad! Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Dir das auf Dauer gefällt.“ Mit diesen Worten versuchte meine Frau, mir meinen neuen Spleen noch auszureden, aber da hatte ich mich schon zu sehr mit dem ICE Sprint X Liegerad beschäftigt, um mich noch abbringen zu lassen.

Das heißt jedoch nicht, dass ich nicht auch Bedenken hatte, schon der mittleren vierstelligen Investitionssumme wegen, die mich der neue Spleen kosten würde. Verglichen mit den alten Rennrädern, die ich mir sonst so leiste, schlug das ICE Sprint X Liegerad schon gewaltig zu Buche.

Doch das liegt nun schon mehr als 6 Wochen und gut 500 Liegerad-Kilometer zurück…

Vom Leid des alternden Rennradfahrers

Dass ich seit mehr als drei Jahrzehnten ein besonderes Faible für Rennräder habe, weiß jeder, der mich entweder gut kennt oder gelegentlich hier liest. Daran wird sich kaum noch etwas ändern, auch wenn ich eines hoffentlich fernen Tages selbst gar keines mehr fahren kann. Ein Rennrad ist für mich längst mehr als nur ein Sportgerät. Ich bin oft schon glücklich, wenn ich ein schönes Exemplar anschauen oder daran schrauben kann.

Doch bei aller Zuneigung zum Zweirad auf schmalen Reifen haben sich über die Jahre ein paar Zipperlein bei mir eingeschlichen, die sich mit dem Rennradfahren nicht mehr so bedingungslos vereinbaren lassen, wie noch vor zwanzig Jahren – Männerleiden eben.

Der Brooks Cambium Carved hat meine Sitzprobleme schon deutlich reduziert.

Dazu gehören für mich vor allem der anhaltende Druck auf den Dammbereich, wenn ich sehr lange oder zu häufig Rennrad fahre. Das kommt aber nicht mehr so häufig vor. Zudem schlafen mir immer öfter auch die Hände ein, was ich früher zumindest mit Rennradlenker kaum kannte. Und wenn es wie jetzt im November wieder kühl und windig wird, dann quittiert mir das meine Nackenmuskulatur gerne mit einer unangenehmen Steifigkeit.

Feuer gefangen

Als ich im Rahmen der diesjährigen Eurobike am Stand des deutschen Liegerad-Spezialisten HP-Velotechnik vorbeischlenderte, ahnte ich noch nicht, was mich das bald kosten würde.

Ich glaube mich sogar zu erinnern, dass ich nicht einmal wirklich dort stehen geblieben bin. Dennoch blieben in meinem Unterbewusstsein zwei Dinge hängen: diese neuen Liegerad-Trikes sehen gar nicht mal schlecht aus und vor allem total bequem.

ICE Sprint X Liegerad Perspektive
Ein ganz neue Perspektive: Rückblick via Liegerad – Trike.

Wäre ich nicht gerade dabei gewesen, wieder etwas öfter auf dem Rennrad zu sitzen statt nur daran zu schrauben, dann wären diese beiden Eindrücke wohl schnell verpufft. Doch mein jährlicher Aufenthalt bei der wunderbaren Eroica in Gaiole war nur noch wenige Wochen entfernt. Die Strade Bianche machen gut vorbereitet einfach mehr Spaß, und ich musste mich noch für eines meiner Rennräder entscheiden. Das hatte zur Folge, dass ich mich gerade besonders darauf konzentrierte, auf welchem Rad ich gut saß.

An einem dieser Tage saß ich dann wohl nicht so gut und landete beim abendlichen I-Pad-Surfen doch wieder bei HP Velotechnik; und kurz darauf dann noch auf zahlreichen anderen Seiten, auch der des ICE Importeurs Icletta. Ich studierte Pro und Contra des Liegeradfahrens, lernte dass die modernen Trikes die Einspurer zunehmend ablösen und am Tag darauf telefonierte ich auch schon mit einem Händler für Spezial-Fahrräder in meiner Nähe.

Kurzentschlossen zum sportlichen ICE Sprint X

Der Liegerad-Spezialist hatte dann ein eher leichtes Spiel. Nicht dass ich ihm keine Zeit gekostet hätte, nein, Fragen hatte ich schon. Nur überzeugen musste er mich längst nicht mehr. Zu sehr reizte mich bereits die Idee, dass ein Liegerad die Lösung für all die Probleme sein könnte, die ich mit langen oder mehrtägigen Rennrad-Ausfahrten mittlerweile verband.

Unabhängig davon erwies sich der Inhaber des Fahrradladens als fachlich kompetent und gab mir auch den entscheidenden Anstoß hin zu einem etwas sportlicheren Modell. Bei meinen Testfahrten auf einem Scorpion fs 26 von HP Velotechnik, einem ICE Adventure und eben dem ICE Sprint X hatte nämlich zunächst das eher behäbige ICE Adventure den bequemsten Eindruck bei mir hinterlassen, auch weil man darauf so schön aufrecht thronte.

Dass ich mich dann für das ICE Sprint X Liegerad entschied, lag vor allem daran, dass es einfach besser zu den Erwartungen passte, die ich mit dem Kauf eines Liegerad-Trikes verband:

Es sollte nämlich nicht nur für mehrtägige Radreisen mit Gepäck geeignet sein – die bei mir sowieso viel weniger stattfinden, als ich es mir immer ausmale.

ICE Sprint X Frontansicht
Mit sportlichem Schalensitz und Tourenausstattung ein echter Allrounder.

Längst hatte ich auch im Sinn, dass mir das sportliche ICE Sprint X vielleicht doch noch ermöglichen könnte, was ich mir auf einem Rennrad ergonomisch nicht mehr zutraue: eine Teilnahme an der Fernfahrt Paris-Brest-Paris zum Beispiel.

Ice, Ice Baby… Sprint X

Da ich wegen eines Job-Wechsels noch den ganzen Oktober frei hatte, entschied ich mich direkt zum Kauf des Vorführmodells, das ich nach ein paar kleineren Ergänzungen schon zwei Wochen später übernehmen konnte.

Neben der schnelleren Verfügbarkeit, kam ich dadurch auch in den Genuss einer Vorderradfederung, einer Längen-Schnellverstellung und hydraulischer Scheibenbremsen. Alles Ausstattungsmerkmale, die ich mir bei einer eigenen Konfiguration erst einmal nicht geleistet hätte.

Ice Vorderradfederung
Sportliches Fahrwerk mit 40mm Federweg und gespiegelter Scheibenbremse.

Liegeräder sind nämlich vergleichsweise teuer, selbst gebrauchte Modelle bekommt man erst nach vielen Jahren spürbar günstiger. Außerdem sind Liegerad-Trikes derzeit einfach gefragt.

Der besondere Reiz des ICE Sprint X liegt für mich in seiner großen Einsatzbandbreite. Man kann es durch die tiefe Sitzposition und das 26″ Hinterrad als schnellen Randonneur genauso nutzen wie als bequemes Reiserad.

Gepäckträgersystem, Schutzbleche und breite Reifen machen es im Handumdrehen zum bequemen Tourenrad, die Konfiguration, in der ich es derzeit nutze.

Der Radstand und die Sitzposition sind variabel und man kann relativ aufrecht sitzen genauso wie ziemlich flach darauf liegen. Auch hier habe ich zunächst eher aufrecht begonnen.

Klassischer Stahlrahmen mit tiefer Sitzposition und vielen Optionen: das ICE Sprint X.

Basis des ICE Sprint X ist ein vergleichsweise schlanker und faltbarer Stahlrahmen (der war ein wesentlicher Punkt, warum ich es dem Scorpion fs 26 von HP Velotechnik vorgezogen habe!), sowie ein mit Elastomeren gefederter Hinterbau aus Aluminium. Zusammen mit der strafen 40mm Vorderradfederung bietet es einen guten Kompromiss zwischen Komfort und Sportlichkeit. Auch Feldwege nimmt es ohne zu murren, und die Erschütterungen bleiben für den Fahrer immer im grünen Bereich.

Der 3×10 Antrieb mit Kettenschaltung bietet immer die passende Übersetzung, das kleine Kettenblatt benötige ich bisher nicht. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sich das bei langen und steilen Anstiegen oder mit Gepäck noch ändern wird. Womit wir beim „Für und Wider“ eines Liegerades angekommen wären.

Stärken und Schwächen des Liegerades – Trikes

Beginnen möchte ich mit den Stärken des Trikes, da sie es sind, die mich zum Kauf bewegt haben. Die meisten hatte ich erwartet, eine andere kam unverhofft dazu:

+ Sitzbeschwerden sind kein Thema, der Druck verteilt sich über den gesamten Schalensitz und der Dammbereich bleibt unbelastet.

+ Die Hände liegen locker auf den Griffen und bekommen keinen Druck.

+ Nacken und Rücken bleiben entspannt (noch mehr als erhofft).

+ Die Herzkreislauf-Belastung ist spürbar geringer, was sich bei mir in einer 10-15 Schläge geringeren Herzfrequenz zeigt. Ich führe das auf die entspannte Haltung des Körpers zurück, nur die Beine arbeiten (hart!).

+ Gegenwind nervt aufgrund der niedrigen Sitzposition nicht mehr ganz so sehr.

+ Man kann mit einem Trike nicht klassisch stürzen, wenn man nicht viel zu schnell in die Kurven geht.

+ Anders als sonst wird man bei Gegenverkehr von Autos nicht noch schnell überholt (man wird wie ein Traktor als echtes Hindernis wahrgenommen).

+ Der Liegestuhl ist immer dabei und der Fahrer erntet bei jeder Begegnung ein Lächeln 🙂

ICE Sprint X Hinterradfederung
In Länge und Sitzneigung anpassbar, sowie faltbar: das variable ICE Sprint X.

Und natürlich hat auch ein Liegerad – Trike ein paar Nachteile:

(-) Ein Liegerad-Trike ist auch in der faltbaren Version ziemlich unhandlich und nimmt ungefaltet viel Raum ein.

(-) Es ist außerdem vergleichsweise schwer. Mein ICE-Sprint X Liegerad wiegt mit Tourenausstattung fast 20 Kilogramm.

(-) Bergauf fährt es sich deutlich schwerer als ein Rennrad, da man nur mit den Beinen arbeiten kann. Die Beinmuskulatur setzt hier einfach früher Grenzen (für mich gut: nicht der Puls!).

(-) Die Kniebelastung ist deswegen vor allem am Berg spürbar höher. Inwiefern das auch nach der Eingewöhnung so bleibt, wird sich zeigen (grundsätzlich ist es eine für das Knie unkritische Bewegungsform).

(-) Das zweispurige Fahrwerk erweist sich auf Feldwegen nervig, da es für eine Spur zu breit und für zwei zu schmal ist. Man fährt immer mit einem Reifen im Dreck.

(-) Man muss sich an die niedrigere Sitzposition erst gewöhnen – vor allem psychisch .

Eingewöhnung

Schon vor Übernahme meines neuen Liegerades war ich mehrfach darauf aufmerksam gemacht worden, dass man sich langsam herantasten müsse. Das betrifft vor allem die Beinmuskulatur und die Kniegelenke, die beim liegend radeln mehr belastet werden.

Liegerad Trike Beinarbeit
Die Arbeit kommt allein aus den Beinen – hier mit ordentlich Dreck dran 😉

Das merkte ich dann auch selbst, obwohl ich mit nur 90-minütigen Ausfahrten von Anfang an vorsichtig war. Dank regelmäßigen Ruhetagen nach den ersten Ausfahrten und einem Wechsel auf kürzere Kurbeln (155 statt 170mm) ist diese Phase für mich im Grunde schon vorbei.

Gleiches gilt für die psychologische Gewöhnung an die niedrige Sitzposition und das Vertrauen darauf, gesehen zu werden. Anfangs sah ich immer wieder nervös in den Rückspiegel, wenn sich ein Fahrzeug von hinten näherte. Ich wurde bisher aber immer frühzeitig gesehen und dann großräumig umfahren.

Gefährlicher als Autos von hinten scheinen mir mittlerweile Fußgänger zu sein, die mal eben die Straße überqueren wollen und einen auch mit Fahne offensichtlich später wahrnehmen als ein Fahrrad. Man sollte in Orten immer auf ein schnelles Ausweich- oder Bremsmanöver gefasst sein.

Bei einem solchen Bremsmanöver offenbarte sich mir auch die krasse Bremswirkung von 160mm Scheibenbremsen auf zwei parallelen Reifen: auch bei einem Liegerad kommt das Hinterrad schneller in bedenkliche Höhen als man erwartet!

Mein erstes Fazit

Nach einem guten Dutzend gemeinsamer Ausfahrten und ca. 500 Kilometern mit dem ICE Sprint X Liegerad – Trike bin ich ziemlich begeistert.

Das liegt vor allem daran, dass es meine Erwartungen an die Ergonomie voll erfüllt hat: Sitzbeschwerden, einschlafende Hände und Nackensteifigkeit sind damit Geschichte.

ICE Sprint X Fahne
Die Fahne gibt einem das gute Gefühl, gesehen zu werden – auch wenn sie etwas bremst.

Völlig unerwartet – aber sehr willkommen – ist für mich die spürbar geringere Kreislaufbelastung. Aufgrund meiner Vorbelastung (linksventrikuläre Myokard-Hypertrophie) bin ich dafür natürlich besonders empfänglich. Ich rechne durch den weiteren Aufbau der Beinmuskulatur aber noch mit einer leichten Angleichung.

Das Gleiche sollte dann auch für meine Durchschnittsgeschwindigkeit gelten, die bis jetzt noch etwas geringer ist als mit dem Rennrad.

Insgesamt ist das Fahren mit einem Liegerad-Trike einfach sehr sehr entspannend und komfortabel. Ich komme mir dabei manchmal vor wie Terence Hill als Nobody, der sich – statt zu reiten – von seinem Pferd lässig auf einer Trage ziehen lässt. Verstärkt wird diese Gefühl noch dadurch, dass man unterwegs immer wieder angelächelt wird.

Als größte Einschränkung empfinde ich das schlechtere Handling des Rades. Ein Resultat aus Gewicht, Fahrzeugbreite und Wendekreis des Liegerad-Trikes. Aber das war mir von vornherein klar gewesen.

Ich betrachte das ICE Sprint X bereits als feste Größe in meinem Fahrrad-Fuhrpark, vor allem für Radreisen, Brevets und längere Radabenteuer.

4 Antworten auf „ICE Sprint X Liegerad – Trike“

  1. Hallo Sebastian, hab schon an dich und dein Trike gedacht. Durch deinen, wieder einmal leider sehr geilen Bericht, habe ich die Anwort prompt erhalten. Super! Lass mal was von dir hören. VG Heinz S.

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