Wenn der Vater mit dem Sohne…

Fahrrad fährt.

Alles hat zwei Seiten.

Seit Mitte März legt die Corona-Krise nun das öffentliche Leben in Ketten. Täglich höhere Infizierten-Zahlen und die Angst um unseren gewohnten Wohlstand beherrschen die täglichen Nachrichten. Dem kann sich niemand entziehen.

Auf der anderen Seite: schönstes Frühlingswetter, keine Termine, leere Straßen und ein neunjähriger Sohn, der seitdem der Fußballverein das Training eingestellt hat, täglich fragt, wann wir wieder zusammen Radfahren gehen.

Klammert man das Corona-Virus geistig aus, erleben wir gerade eine einmalig schöne Zeit zusammen…

Nr. 4 macht richtig Freude

Zum neunten Geburtstag meines Sohnes ist im Winter ein Woom 5 Off bei uns eingezogen und es brachte von der ersten Ausfahrt an neuen Elan in unsere gemeinsamen Radtouren.

Der Schritt vom 20- zum 24-zölligen Kinderrad ist groß, größer als ich es vorher vermutet hatte. Im Vergleich zu den eher schmal bereiften 20 Zoll Laufrädern unseres so geliebten Islabikes (Beinn 20) bringen die 24 Zoll Laufräder jetzt nicht nur unerwartet viel Schwung in unsere Ausfahrten, sondern auch mehr Fahrsicherheit.

Die voluminösen Schwalbe Nobby Nic Reifen (2.25) schlucken locker auch Hindernisse, die bisher wirklich Sturz-gefährdend daher kamen. Zudem scheint die Rahmengeometrie des Woom durchdacht zu sein und vermittelt dem kleinen Fahrer Sicherheit. Essen und Trinken auf dem Rad ist plötzlich kein Problem mehr.

Woom 5 Off Kinder Mountainbike vor Blumenwiese
Die schöne Kehrseite der Corona-Krise: mehr Zeit für Radausflüge mit dem Junior.

Ein schöner Nebeneffekt ist das schlagartig gewachsene Selbstvertrauen auf dem Rad und damit einhergehend eine bisher nicht gekannte Experimentierfreude – die zuweilen auch etwas an meinem Nervenkostüm kratzt.

Doch auch ich gewöhne mich langsam an seine neue Fahrsicherheit und muss bei unseren gemeinsamen Ausflügen ins Gelände zunehmend selbst aufpassen, dass mein ungefedertes old-school Trek 970 Singletrack aus dem Jahr 1993 immer in der Spur bleibt.

Mehr Spaß auf dem Rad!

Die Bandbreite unserer gemeinsamen sportlichen Unternehmungen wächst momentan exponentiell, was nicht nur am neuen Rad liegt, sondern vielmehr an der Entwicklung, die mein Neunjähriger gerade an den Tag legt. Und wahrscheinlich auch ein wenig an der vielen gemeinsam verbrachten Zeit.

Bei unseren gemeinsamen Waldläufen wurde mir schon letztes Jahr klar, dass ich meinen Sohn allenfalls noch auf die Distanz fordern kann (was ich natürlich nicht mache). Auch beim Tischtennis hat er Dank des Corona-bedingt täglichen Trainings unglaubliche Fortschritte gemacht und jetzt kommt langsam meine Domäne, das Radfahren, dran.

Nic auf dem Kinder-Bianchi Rennrad
Perspektive des Papas auf den gemeinsamen Ausfahrten mit dem Rennrad.

Natürlich wachsen die Bäume auf dem Bike noch nicht in den Himmel, zu bedeutend ist hier – neben der Ausdauer – die Kraft. Doch die Zeiten als ich Radfahren mit meinem Sohn eher als Kinderbetreuung denn als gemeinsames Abenteuer betrachtet habe, die sind jetzt vorbei. Und das ist wunderbar.

Wenn wir zwei Stunden mit dem Mountainbike durch den Wald gedüst sind, alle möglichen und unmöglichen Pfade probiert, gemeinsam experimentiert, die Sonne und die Bewegung genossen haben, dann ist auch mein Tagwerk auf dem Rad getan. Nur sehr selten habe ich dann noch das Bedürfnis auf mehr.

Radausflug mit Kind. Ruhepausen sind wichtig.
Auch das gehört zu unseren gemeinsamen Ausflügen: Ruhepausen im Grünen.

Das gefällt natürlich auch meinem ehrgeizigen Sohn. Wo immer er kann, testet er mich. Zu Beginn, wenn ich mich noch gemütlich warm fahren will, oder im kurzen Bergauf-Sprint bringt er mich mit seinen 25 kg schon jetzt ins Schwitzen. Unglaublich, aber schön.

Ein Kinderrad muss leicht sein.

Apropos Körpergewicht: von Beginn an war es mir wichtig, dass das Rad meines Sohnes nicht unnötig schwer ist. Dafür ist er selbst einfach zu leicht und schmal gebaut und gut einen Kopf kleiner als die meisten seiner gleichaltrigen Freunde.

Als ich mich vor 6 Jahren nach dem ersten Rad für ihn umsah, war dies noch eine echte Herausforderung. Es wurde dann ein Woom 3, doch erst mit dem zweiten, dem tollen Islabikes Beinn 20 mit seinen ca. 7.5 kg fand ich ein erschwingliches Kinderrad, das mich wirklich zufrieden stellte. Die meisten gewöhnlichen Kinderräder hingegen wiegen nicht weniger als die für Erwachsene.

Auch mit seiner 110er Kurbel, dem wirklichen kleinen Sattel und Bremshebeln mit kindgerechter Reichweite hat mich das Beinn 20 wirklich überzeugt. Zwischen einer Körpergröße von 110 und 125 cm ist es meiner Meinung nach auch heute noch die erste Wahl. Musste ich es vor ein paar Jahren noch in England bestellen, gibt es die Islabikes mittlerweile auch hierzulande.

Das Woom 5 Off – ein echtes Mountainbike

Unser erstes Kinderrad war aber ein Woom. Die Marke war damals noch ganz jung und ein echter Geheimtipp. Das Woom 3 hatte nämlich schon ein paar wirklich kindgerechte Features. Trotzden war es damals aber auch noch zu schwer (das heutige Woom 3 ist mehr als ein ganzes Kilo leichter). Für die ersten Radausflüge meines damals 3-jährigen Sohnes war es dennoch ein tolles Teil und ein echter Hingucker.

Woom 5 Off Mountainbike für Kinder
Das Woom 5 Off hat unsere Bandbreite für Radausflüge deutlich erweitert.

Schon deshalb kam Woombikes auch diesmal wieder in die Auswahl, als es darum ging, ein dem Wachstum angepasstes, größeres Kinderfahrrad zu kaufen.

Letztlich gaben wir dem Woom vor allem deshalb den Vorzug vor einem größeren Islabike (Beinn 24), weil es etwas geländegängiger daher kommt und wir dem zunehmenden Verkehr im Süden Bayerns (auch auf den “E”-Radwegen) immer öfter ausweichen wollen.

Das Woom 5 Off wiegt nur wenig mehr als das Islabike vorher, ist mit einem 1×9 Antrieb von SRAM sowie Scheibenbremsen ausgestattet und verzichtet im Gegensatz zu vielen anderen Kinder-Mountainbikes auf eine Federgabel. Letztere hätte aus meiner Sicht bei 25 kg Körpergewicht einfach zu wenig Nutzen für das unnötige Mehrgewicht bedeutet.

Woom 5 Off Kinder MTB
Ein tolles Mountainbike für die Kinder radverrückter Eltern: das Woom 5 Off.

Die Daumenschalthebel empfindet mein Sohn übrigens wesentlich angenehmer als das Gripshift-System am Islabike vorher. Außerdem gefällt ihm die große Fahrsicherheit, die die voluminösen Reifen und der breite Lenker vermitteln.

Ein Rennrad für Kinder?

Soviel zu den Vernunftentscheidungen. Alles andere als der Vernunft entsprungen war jedoch ein ganz anderer Spontankauf Ende 2017.

Im Rahmen meiner Sammel- und Bastel-Leidenschaft für alte Rennrad-Klassiker stolperte ich damals über ein 22-Zoll Bianchi Kinder-Rennrad, das bis dahin eine italienische Eisdiele im Ruhrgebiet schmückte.

Und da das wirklich putzige Teil selbst meine Frau ansprach, und der sizilianische Besitzer dann noch einen fairen Preis machte, stand es kurz später in unserem Keller.

Kinderrennrad Bianchi 22 Zoll
Ein Kinder-Rennrad mit 22-Zoll-Laufrädern kann nur aus Italien kommen.

Man muss hier vielleicht erwähnen, dass ein 22-Zoll Kinder-Rennrad nicht nur ungewöhnlich ist, es ist selbst im Herkunftsland Italien eine absolute Seltenheit, und das wohl aus gutem Grund. Denn macht es wirklich Sinn, ein Kind im Grundschulalter auf ein echtes Rennrad zu setzen?

Hm, die Antwort ist wohl eher “nein”.

Es sei denn…

Und da komme ich jetzt wieder in die Gegenwart, das Kind hat richtig Spaß daran, sieht – seitdem es 6 Jahre alt ist – begeistert die Tour-de-France und kann es dem Papa damit endlich gleichtun. Für die Kinder von radverrückten Vätern gelten wohl einfach andere Regeln.

Gemeinsame Bianchi-Ausfahrten

Nachdem es also fast zwei Jahre auf seinen ersten echten Einsatz gewartet hat, und in dieser Zeit immer wieder etwas angepasst und verbessert wurde, passt es jetzt.

Kinder-Bianchi mit Zusatzbremshebeln
Das angepasste Cockpit des Kinder-Bianchi: Zusatz-Bremshebel verbessern die Sicherheit.

Ich selbst verspürte gar nicht so viel Lust darauf, als mein Sohn vor zwei Wochen meinte, dass wir das Bianchi Kinderrennrad doch mal wieder probieren könnten. Zu gut passten mir gerade unsere Mountainbike-Ausflüge. Aber er ließ nicht locker und so starteten wir einen ersten abendlichen Versuch auf verlassenen Radwegen.

Der gestaltete sich so problemlos wie begeisternd und in den Tagen danach ging es täglich für eine Stunde zum Rennradfahren mit dem Junior. Mittlerweile klappt auch die Bedienung der Rahmenschalthebel und das tolle Woom ist plötzlich sogar wieder die zweite Wahl. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickeln wird.

Neunjähriger auf Bianchi Rennrad
Unterwegs wie ein kleiner Rennfahrer: Nic auf seinem Bianchi.

Mich fordern die gemeinsamen Rennradausfahrten zwar weniger als die mit dem Mountainbike, aber dafür entschädigen mich die Blicke der entgegenkommenden und überholenden Rennradfahrer. Wir werden ausnahmslos angelächelt, mit “thumbs-up” angefeuert oder einfach wohlwollend bestaunt.

Was wollte ein stolzer Papa mehr…

4 Antworten auf „Wenn der Vater mit dem Sohne…“

  1. Wie immer, toll geschrieben.
    Ich hoffe, der stolze Vater wird noch viele, schöne Ausflüge mit seinem Nic unternehmen.
    Mutti freut sich wahrscheinlich auch, wenn sie ihre beiden Kleinen mal für zwei Stunden quitt ist! ;-D
    Viel Spaß weiterhin und bleibt bitte gesund.

    1. Hallo Oliver,

      danke Dir für die guten Worte und Wünsche! Und Du hast natürlich Recht, dass unsere gemeinsamen Ausfahrten auch vom Hausvorstand begrüßt werden. Sind damit für alle Seiten Quality-Time 😉 was will man mehr…

      Bleibt auch Ihr gesund!

      Beste Grüße aus dem Süden
      Sebastian

  2. Hallo Sebastian,

    toller Bericht und schöne Fotos! Ich hatte leider nicht das Glück, für meinen 8-jährigen Sohn ein fertiges Rennrad kaufen zu können. Hinzu kam, dass sich mein Sohn einen waschechten Crosser in den Sinn gesetzt hatte. Der Besuch der Cross-WM 2020 in Zürich hinterließ so seine Spuren…

    Da mein Sohn aber eher am obersten Ende der Körpergröße nagt, konnte es letztlich ein 28″-Rahmen mit 48 cm Rahmenhöhe sein. Allerdings keine klassische Geometrie und auch kein Stahl, sondern ein Gunsha RCC Junior 2.0. Die Laufräder werden je nach Einsatzgebiet (Straße oder Gelände) gewechselt.

    Aber das eigentliche Ergebnis ist genauso wie bei Euch beiden: Er liebt das Rad, fährt es ausgiebig und schnell! Letzteres hat dann den Rest der Familie dieses Jahr zum Tandem gebracht…

    Viele Grüße

    1. Hallo Florian,

      Schön zu lesen, dass es bei euch ganz ähnlich läuft. Mit der Radauswahl habt Ihr es ja sogar eher leichter, wenn dein Junior eher groß ist.

      Ich überlege gerade, ab welcher Körpergröße mein Sohn mit mir das Tandem befahren könnte, unserer Mama sind wir nämlich schon fast zu sportlich unterwegs. Aber ich denke, hintendrauf wäre es ihm auf Dauer doch zu langweilig und fahrtechnisch lernt er da auch nichts. Hirngespinste also .

      Momentan fahren wir etwas weniger, da er wieder Fußball spielen kann, aber spätestens wenn im September die TdF-Übertragungen im Fernsehen zu sehen sind, dann wird er wieder täglich auf sein Rennrad wollen .

      Wäre schön, wenn die Begeisterung bleibt!

      Beste Grüße und allzeit Gute Fahrt!
      Sebastian

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