Wenn der Radsport das Herz stresst

Kann RadSport dem Herz schaden?

Die Hinweise mehren sich, dass die hohen Ausdauerbelastungen, wie sie ambitionierte Radrennfahrer über Jahre erbringen, zumindest bei einem Teil der Athleten folgenschwere Spuren am Herz hinterlassen.

The Haywire Heart – How too much exercise can kill you… ist der Titel des aktuellen Buches von Chris Case, John Mandrola und Lennard Zinn, drei zum Teil selbst betroffenen Leistungsportlern, die dem Phänomen wissenschaftlich fundiert und spannend auf den Grund gehen. Keine Frage, dass ich das lesen musste.

 

Kann zu viel Sport schlecht für das Herz sein?

Und wenn ja, wie merkt man das?

Wenn man als Ausdauersportler spürt, dass sich mit dem eigenen Herz irgendetwas verändert, dann will man das zunächst nicht wahrhaben.

Und trotzdem ist da manchmal etwas, von dem man spürt, dass es früher nicht da war.

The Haywire Heart

(wörtlich übersetzt: Das verrücktgewordene Herz)

In The Haywire Heart berichten zahlreiche betroffene Athleten von ihren Erfahrungen mit Herzereignissen im Sport. Einer davon ist Lennard Zinn, ein in Radsportkreisen vor allem als Technik-Guru bekannter Autor, der selbst jahrzehntelang intensiven Radsport betrieb und dabei auch schon im US Nationalrikot unterwegs war.

Zinn hat, nachdem er selbst unvermittelt massive Herzprobleme bekommen hatte,  angefangen, Erfahrungsberichte über herzbedingte Zwischenfälle anderer Leistungsportlern zu sammeln und er war erstaunt über die Anzahl der teilweise erschreckenden Fälle.

Zusammen mit dem Kardiologen John Mandrola und dem Herausgeber Chris Case (VeloNews), beide selbst erfahrene Leistungssportler, geht er den Berichten in The Haywire Heart systematisch und wissenschaftlich fundiert auf den Grund.

Und obwohl der Untertitel zunächst – vielleicht typisch amerikanisch – etwas effektheischend wirkt, schaffen es die Autoren, dass man sich bei der Lektüre des Buches als Sportler verstanden und nie geängstigt fühlt. Beunruhigende Inhalte werden immer relativiert und sehr komplizierte Zusammenhänge verständlich erklärt.

Die Autoren schaffen es durch die Praxisbeispiele, dass man sich gut in die Problematik hineindenken kann und immer wieder merkt man, dass hier Ausdauersportler für ihresgleichen schreiben.

Die Erfahrungen der Ausdauersportler in The Haywire Heart unterscheiden sich, allen gemeinsam ist jedoch, dass der Betroffene zunächst nicht wahrhaben möchte, dass mit seinem Herz etwas nicht stimmen könnte.

Die Sportler und ihre Symptome

Beschrieben werden vor allem Störungen des Herzrhythmus, begonnen von einfachen Extrasystolen über anfallsartig auftretende Tachykardien (Herzrasen) bis hin zum Vorhofflimmern.

Die klassischen Herz-Kreislauf-Symptome wie Atemnot, Erschöpfungszustände und Brustschmerzen spielen in den Beschreibungen der langjährigen Leistungssportler erwartungsgemäß eine untergeordnete Rolle.

Der Schwerpunkt der Erfahrungen liegt klar auf Störungen des Reizleitungssystems des Herzens, denn in diesem Bereich scheint es eine auffällige Häufung unter Ausdauersportlern zu geben, vor allem wenn sie ihren Sport über Jahrzehnte auf hohem Belastungsniveau ausgeübt haben.

Die Mehrzahl der betroffenen Sportler ist älter als 40 Jahre, wenn die ersten Symptome auftreten, und seit vielen Jahren leistungsorientiert auf dem Fahrrad, auf Skiern oder in Laufschuhen unterwegs.

Erweckungserlebnis

In Bezug auf sportbedingte Herzprobleme hatte ich selbst vor einigen Jahren mein Erweckungserlebnis der besonderen Art.

Ich hatte schon länger gemerkt, dass ich hohe Belastungen hinterher mit einer anhaltenden Unruhe, Beklemmungsgefühlen beim Duschen und Schlafstörungen bezahlte. Den ambitionierten Wettkampfsport hatte ich auch deswegen im Grunde schon länger hinter mir.

Dennoch wollte ich es eines Tages mal wieder wissen. Ich hatte passenderweise gerade Lauf oder stirb von Kilian Jornet gelesen und prügelte mit selbst so gut es ging im Laufschritt den Wendelstein hinauf. Dass es mir von Beginn an nicht gut ging dabei, schob ich auf das mangelnde Training im intensiven Bereich. Ich dachte, ich müsse mich eben wieder daran gewöhnen.

Nachdem ich als Resultat in den folgenden Tagen selbst bei lockeren Läufen gehpausen einlegen musste, besuchte ich mal wieder einen Kardiologen, was ich in meinen aktiveren Jahren regelmäßig getan hatte.

Anders als bisher war diesmal eben nicht alles in Ordnung, es wurde eine linksventrikuläre Hypertrophie diagnostiziert und ich sollte bis auf weiteres intensive Einheiten meiden.

Während der Untersuchung hatte ich außerdem einige Herzstolperer (Extrasystolen), weshalb ich seitdem wenigstens weiß, was das ist, wenn es sich in der Brust kurz so komisch anfühlt und was ich zuletzt zunehmend auch in der Belastung erfahren hatte.

Dass ich mit meiner Geschichte glimpflich davongekommen bin, illustrieren die Erweckungserlebnisse in The Haywire Heart eindrucksvoll, denn im schlimmsten Fall enden z.B. die beschriebenen Reizleitungsstörungen in einem Kammerflimmern, das den sofortigen Kreislaufzusammenbruch bedeutet und besser als plötzlicher Herztod bekannt ist.

Herzrhythmusstörungen können gefährlich sein – oder auch ganz harmlos

Das Kammerflimmern ist zum Glück ein sehr seltenes Phänomen, dem in der Regel eine Schädigung der Reizübertragung innerhalb der Herzkammer oder eine andere Herzkrankheit zugrunde liegt. Die gefährlichen Rhythmusstörungen, die die Herzkammer selbst betreffen, sind also sehr selten, und auch unter den im Buch zitierten Ausdauersportlern die absolute Ausnahme.

Sehr viel häufiger haben Herzrhythmusstörungen ihren Ausgang im Reizleitungssystem der Vorhöfe, was zumindest unmittelbar nicht lebensbedrohlich ist.

Denn selbst bei einem Vorhofflimmern, bei dem die aktive Pumpfunktion des Vorhofes zum erliegen kommt, ist eine ausreichende Versorgung des Körpers mit Blut weiter gewährleistet, mancher Betroffener empfindet ein Vorhofflimmern nicht einmal als besonders beunruhigend.

In der Regel findet der Vorhof auch ohne ärztliche Intervention wieder zu seinem Rhythmus. Dennoch ist das Vorhofflimmern eine ernste Sache, da sich dadurch das Risiko für die Bildung eines Blutgerinnsels im Herzen drastisch erhöht, was im schlimmsten Fall zu einem Schlaganfall führen kann.

Das Vorhofflimmern ist die am häufigsten beschriebene Erfahrung der geschädigten Ausdauersportler in The Haywire Heart.

Die meisten Störungen des Herzrhythmus sind harmlos

Viele Menschen erleben regelmäßig Extrasystolen (eine zusätzliche Kontraktion der Herzkammer ohne vorherige Entspannungsphase), die man selbst nicht als Pulsschlag merkt, sondern dadurch, dass der nächste spürbare Herzschlag erst etwas zeitversetzt kommt. Meist erfährt man Extrasystolen in Ruhephasen.

Aufgrund der bei Ausdauerathleten hohen Differenz zwischen Ruhepuls und Maximalpuls und der längeren Entspannungsphasen zwischen den Herzschlägen in Ruhe, ist die Wahrscheinlichkeit für solche Extrasystolen bei sportlich aktiven Menschen sogar höher.

Wann muss man Herzstolpern beachten?

Beachtenswert werden solche Extrasystolen, wenn sie sich stark häufen und auch dann, wenn sie während der Belastung auftreten, was zwar selten ist, dann aber ein erhöhtes Risiko für eine Entgleisung des Herzrhythmus darstellt (Flimmern oder Flattern).

Ebenso ärztlich überprüfen lassen sollte man unmittelbar auftretende Tachykardien (Herzrasen), vor allem wenn sie in der Belastung auftreten ohne dass z.B. ein Zusammenhang mit der momentanen Belastung herzustellen ist, z.B. wenn man gleichmäßig mit einer Herzfrequenz von 120 auf dem Rad unterwegs ist und der Puls ohne Tempoveränderung plötzlich drastisch ansteigt (das spürt man, also bitte nicht mit einer Fehlmessung des Pulsmessers verwechseln).

Solche Tachykardien sind meist von kurzer Dauer, können jedoch ein Hinweis auf eine vorhandene Störung des Reizleitungssystems oder eine andere Erkrankung des Herzens sein.

Kann zu viel Sport dem Herz Also wirklich schaden?

Die Autoren von The Haywire Heart beantworten diese Frage mit einem ziemlich klaren JA.

Die Erfahrungsberichte, aber auch jüngere Studien und Untersuchungen an Tieren scheinen einen Zusammenhang zwischen starker sportlicher Belastung und dem Auftreten zum Teil gefährlicher Herzrhythmusstörungen klar zu belegen.

Die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Dauer und Intensität der sportlichen Belastung sowie dem Alter des Atleten, d.h. je länger und intensiver man sich in seinem Leben belastet hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von nachhaltigen Herzrhythmusstörungen.

Eine bedeutende Rolle scheinen dabei auch die Belastungspausen zu spielen, denn gerade ambitionierte Sportler, die nebenbei voll berufstätig sind, sind häufiger betroffen als professionelle Athleten, die ausschließlich ihrem Sport nachgehen und der Erholung eine größere Aufmerksamkeit widmen.

Der zugrundeliegende Wirkungszusammenhang

Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Herzrhythmusstörungen und langjähriger sportlicher Belastung zu geben. Doch wie kommt es zu den beschriebenen Störungen im Reizleitungssystem des Herzens.

Die Autoren benennen drei Körperreaktionen auf die sportliche Belastung, die sich negativ auf die Reizweiterleitung im Herzen auswirken können:

  • Belastungsbedingte entzündliche Prozesse
  • Vernarbungen des Herzmuskelgewebes
  • und die Ausweitung des Herzmuskelgewebes

Dass sportliche Belastungen zu entzündlichen Prozessen im Körper führen, ist lange bekannt und sogar Teil der wunderbaren körperlichen Anpassungsfähigkeit unseres Körpers, der auf die sportliche Belastung mit positiven Anpassungen reagiert, die sich im Bereich des Herzens durch eine bessere Durchblutung, eine höhere Herzschlag-Effizienz und auch einer physiologischen Vergrößerung des Herzens zeigt.

Es scheint jedoch eine kritische Größe der Belastungen zu geben, ab der die entzündlichen Prozesse nicht mehr nur zu positiven Anpassungserscheinungen führen.

Dies geschieht vor allem dann, wenn auf noch nicht ausgeheilte Entzündungsprozesse erneute Belastungen folgen.

Dass sich dauerhafte systemische Entzündungen negativ auf Herz und Gefäßsystem auswirken, ist lange bekannt. Dass sich durch Sport ausgelöste Entzündungen ähnlich auswirken könnten, das wird erst jüngerer Zeit vermehrt diskutiert und analysiert.

So zeigen Massen-Blutuntersuchungen bei sportlichen Großereignissen (z.B. nach Marathonläufen) häufig eine Reaktion des Herzens mit Stress-Hormonen (wie z.B. Troponin), die sonst nur bei akut lebensbedrohlichen Verletzungen des Herzmuskels auftreten, wie etwa nach einem Herzinfarkt.

Wie gut das Herz solche Belastungen übersteht, ist individuell verschieden und dürfte auch vom Alter des Athleten abhängen.

Es gibt jedenfalls Hinweise darauf, dass entzündliche Prozesse aufgrund großer Belastungen ihre Spuren im Herzen hinterlassen, wenn sie nicht durch ausreichend Erholung ausheilen können.

Dies ist der Fall, wenn die nächste Belastung zu früh kommt. Diese Spuren zeigen sich bei genauer Inspektion als minimale Vernarbungen, wie sie in herkömmlichen Untersuchungen (d.h. ohne Innenansicht) leider nicht so einfach nachweisbar sind.

Das Reizleitungssystem des Herzens

Um zu verstehen, dass sich auch minimale Vernarbungen im Herzmuskelgewebe auf den Herzrhythmus auswirken können, muss man wissen, dass die Reizweiterleitung innerhalb des Herzens nicht wie sonst im Körper mit Hilfe von Nervenzellen geschieht.

Herzmuskelzellen sind nämlich in der Lage, den Reiz direkt von einer Zelle auf die nächste zu übertragen.

Dies gewährleistet nicht nur Redundanz beim Versagen einzelner Beteiligter in der Reizweiterleitung, sondern auch eine gleichmäßige wellenförmige Ausbreitung des Kontraktionsreizes und damit die für den Pumpeffekt erforderliche Kontraktion der Herzkammer von unten nach oben.

Stellt man sich nun die Reizweiterleitung bildlich vor, z.B. wie die Wellenausbreitung, wenn man einen Stein in ein stilles Gewässer wirft, dann sollte man sich die Vernarbungen an der Oberfläche der Herzmuskelzellen wie kleine Felsen vorstellen, die ein kleines bisschen aus der Wasseroberfläche herausragen.

Der Wellenverlauf wird an diesen Stellen abgelenkt, wie stark, das hängt von Ausmaß und der Anzahl der Felsen ab. Jedenfalls kann man sich so vielleicht vorstellen, dass die Reizweiterleitung nicht mehr so glatt läuft, wie es vorher einmal war.

Was fängt man nun mit diesem Wissen an?

Wer sich regelmäßig sportlich belastet, sollte sich mindestens einmal grundsätzlich von einem Kardiologen auf gegebenenfalls vorhandene Herzerkrankungen untersuchen lassen.

Wer zusätzlich Wettkämpfe bestreitet, sollte dies regelmäßig tun. Je höher das Alter, desto kürzer die Abstände.

Außerdem sollte man sich unbedingt kardiologisch untersuchen lassen, wenn man irgendwelche Symptome oder Herzfrequenzereignisse spürt.

Aber das galt irgendwie schon immer.

Neu ist für mich die Erkenntnis, dass es, selbst wenn man sich regelmäßig ärztlich untersuchen lässt, vor allem auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers ankommt und man Alarmsignale nicht ignorieren sollte. Denn die oben genannten Veränderungen werden in einer frühen Phase nicht erkannt werden.

Solche nicht offensichtlichen Alarmsignale können sein:

  • Andauernde Müdigkeit und Erschöpfungszustände
  • Nächtliche Unruhe, Beklemmungsgefühle
  • Spontan auftretende Tachykardien (Herzrasen)
  • Herzrhythmusstörungen während der Belastung
  • Gehäuftes Herzstolpern (Extrasystolen) auch in Ruhe

Allein das frühere Wissen, dass belastungsbedingte Entzündungsprozesse auch das Herz betreffen, hätte bei mir vielleicht dazu geführt, mehr auf die nötigen Erholungsphasen zwischen starken Belastungen zu achten.

Umso mehr, wenn der Körper zusätzlich durch andere dauerhaft entzündliche Prozesse geschwächt wird, wie es z.B. auch bei starken Pollenallergikern der Fall ist.

Was habe ich selbst geändert?

Nach meiner eigenen Herzgeschichte, die sicherlich nur bedingt mit den im Buch beschriebenen Zusammenhängen zu vergleichen ist, habe ich mein Belastungsniveau sukzessive soweit abgesenkt, bis ich während des Sports (Symptome: Atemnot, Herzstolpern) und danach (Unruhegefühl, Beklemmung) keine Symptome mehr entwickelte.

Dieser Prozess dauerte mehr als ein Jahr und war nicht einfach. Mittlerweile sind ettliche Jahre vergangen, in denen ich keinen sportlichen Wettkampf mehr angenommen habe, weder privat noch organisiert.

Ich lasse mich einmal im Jahr kardiologisch untersuchen und meine hypertrophierte Herzscheidewand hat sich sogar wieder etwas zurückentwickelt.

Auch Rhythmusstörungen in der Belastung habe ich nur noch sehr selten, da ich Herzfrequenzen oberhalb von 80% meiner maximalen HF grundsätzlich meide.

Zusätzlich achte ich viel stärker auf meine momentane Verfassung, die mittlerweile auch wetterabhängig ist. Fühle ich mich gut, fordere ich mich nach Gusto. Fühle ich mich schlapp, dann begnüge ich mich auch mal mit einem längeren Spaziergang.

Hier ähnelt meine eigene Geschichte der der meisten Betroffenen in The Haywire Heart wieder. Fast alle bewegen sich weiterhin leidenschaftlich, nur ohne Wettkampfgedanken und insgesamt entspannter (z.T. jedoch auch erst nach operativen Eingriffen).

Epilog

Dieser Beitrag ist mein Versuch, den in The Haywire Heart beschriebenen, sehr komplexen Zusammenhang zwischen langjährigem Leistungssport und Herzproblemen, verständlich dar zu stellen.

Für den medizinisch interessierten Laien – wie ich einer bin – ist das Buch eine spannende und fordernde Lektüre gewesen. Leider ist es bis jetzt nur in englischer Sprache erhältlich, was das Verständnis nicht gerade erleichtert.

Mir lag dieses Thema im wahren Wortsinn am Herzen und deswegen hat es mir einfach auch Spaß gemacht, The Haywire Heart zu lesen und hier darüber zu berichten.

 

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