Gestatten: Wagner. Schick und schnell.

Ende letzten Jahres stolperte ich über eine Kleinanzeige, in der ein unauffälliges, aber irgendwie anziehendes Rennrad des Rahmenbauers „Hardo Wagner“ angeboten wurde. Hardo Wagner war mir bis dahin völlig unbekannt und ich begann ein wenig zu recherchieren.

Zunächst fand ich nicht viel mehr heraus, als dass es sich bei Hardo Wagner offenbar um einen norddeutschen Rahmenbauer handelt, der vor allem unter Reiseradlern einen wirklich guten Ruf genießt.

 

Ein Rennrad von Hardo Wagner

Rennräder von Hardo Wagner hingegen konnte ich im Netz nicht viele finden, um genau zu sein: noch ein einziges, nämlich unter den Referenzen des Münsteraner Radladens Studio Brisant, ein sehr schönes Exemplar und dem hier beschriebenen nicht unähnlich.

Spontan suchte ich den Kontakt zur Verkäuferin und nach ein paar e-mails hin und her war klar, dass ich das Rad kaufen würde. Und da die Verkäuferin so sympathisch wie seriös und das finanzielle Risiko überschaubar waren, kaufte ich das Rad quasi blind. Der „Götterbote“ brachte es ein paar Tage später unversehrt aus dem fernen Bremen zu mir ins bayerische Vorparadies.

Ich strapaziere mein Glück wirklich nicht oft mit Einkaufsabenteuern, bei denen ich das Rad vorher nicht begutachten kann, aber dieses hat sich definitiv gelohnt.

Die Ausgangsbasis

Zu mir kam das Wagner in einem technisch einwandfreien Zustand, überwiegend pragmatisch ausgestattet mit Shimano 600 Komponenten der 6400 Baureihe. Alles an dem Rad war annähernd neuwertig.

Dennoch habe ich es gewohnheitsgemäß bis auf die letzte Schraube zerlegt und als ich mir den nackten Rahmen genauer ansah, da ahnte ich schon, dass wir gute Freunde werden würden. Alles war sauber verarbeitet, auch nach mehr als 25 Jahren keine Spur von Rost vorhanden, und leicht war er auch.

Wieder komplettiert hatte ich es dann zunächst mit einer Shimano Dura Ace Gruppe der 74er Baureihe aus der gleichen Zeit (Anfang 1990) und im folgenden Frühjahr durfte sich das so aufgebaute Wagner Rennrad dann bei einem kleinen 200er Brevet (Der Oberland-Rundfahrt) bewähren.

Und das tat es.

Trotz wenig Vorbereitung fühlte ich mich von Anfang an einfach gut auf dem Rad. Der Rahmen passte mir gut und glänzte mit agilen – aber trotzdem stabilen – Fahreigenschaften. Wir würden zusammen bleiben.

Neuaufbau mit Suntour Superbe Pro

Den entscheidenden Anstoss für den jetzigen Neuaufbau lieferte der bereits beim Kauf verbaute Suntour Superbe Pro Steuersatz. Ich konnte mir diese funktional und optisch einzigartige Gruppe von Anfang an gut an dem in british-racing-green gewandeten Rahmen vorstellen. Einziger Haken daran, die Gruppe ist gefragt und selten günstig zu bekommen, vor allem in optisch ansprechendem Zustand nicht.

Doch im Laufe des Sommers konnte ich mir die Teile dann sukzessive zusammenkaufen und auch einen champagnerfarben eloxierten A2 Felgensatz von Mavic hatte ich noch im Keller, der meines Erachtens perfekt mit dem Rahmen harmoniert.

Bei meinen Internetrecherchen zu Hardo Wagner Rädern hatte ich gesehen, dass sich die Reiseräder mit einem geschwungenen „W“ aus Sterlingsilber als Steuerkopfemblem schmücken. Das Steuerrohr meines Rennradrahmens hingegen war frei von jeglichen Markenzeichen.

Kontakt zum Erbauer

Mit der Idee, dieses schöne Markenzeichen zu ergänzen, nahm ich Kontakt mit dem heutigen Nutzer der Marke „Hardo Wagner“ auf, der Firma Ferrotec in Braunschweig, wo mir auf sehr nette Weise weitergeholfen wurde.

Es stellte sich nämlich heraus, dass das geschwungene „W“ erst nach dem Baujahr meines Rahmens zum Markenzeichen der Hardo Wagner Räder wurde, aber da es mir so gut gefiel, konnte ich trotzdem sehr günstig eines erwerben und auf meinem Rahmen applizieren.

Außerdem wurde für mich vom Inhaber der Firma Ferrotec der Kontakt zu Hardo Wagner selbst hergestellt, so dass ich auch noch meine Vermutung absichern konnte, dass der Rahmen von ihm Anfang der Neunziger Jahre gebaut wurde und dass er, was ich noch nicht wusste, dabei auf einen Tange 1 Rohrsatz zurückgegriffen hatte.

Ene interessante Randanekdote war es für mich auch, dass er sein eigenes Rennrad ebenfalls mit einer Superbe Pro Gruppe von Suntour komplettiert hat.

Ich freue mich, dass dieser kurze Kontakt zustande kam, denn je mehr man über die Geschichte eines Rades weiß, desto mehr schätzt man es in der Folge.

Das „Wagner“ ist ein echtes Rennrad

Obwohl sich Hardo Wagner vor allem durch Reiseräder hervorgetan hat, zeigt der Rahmen, dass es auch in eine andere Richtung hätte laufen können.

Der Rahmen offenbart viel Liebe zum Rennrad-Detail: Schöne gefensterte Muffen an Steuerrohr und Gabelscheiden, das aus Beginn der Neunziger Jahre sehr bekannte, gespoilerte Cinelli-Tretlager-Gehäuse und Columbus Ausfallenden – alles makellos zusammengefügt und verarbeitet.

Das sehr kurze Bremsmaß und die Geometrie zeigen ebenfalls wenig Anleihen aus dem Reiseradbau. Das Wagner fährt sich unaufdringlich agil, macht Spaß in den Kurven und auch bei hoher Geschwindigkeit bergab hat man stets ein gutes Gefühl. Kurz: ein astreines Rennrad.

Unterm Strich ist es die Mischung, die dieses Rad für mich wertvoll macht:

  • Der sympathische Kontakt zur Verkäuferin, mit dem es begann.
  • Die Einzigartigkeit des Rades, die Materialauswahl und die Expertise seines Erbauers.
  • Und nicht zuletzt seine hohe Funktionalität und unaufdringliche Optik.

Zudem durfte ich ein klein wenig in die Geschichte eines kleinen deutschen Rahmenbauers einsteigen.

Mein Hardo Wagner Rennrad wird mich sicherlich noch viele Kilometer begleiten und erfreuen. Schön, dass wir uns gefunden haben.

Das Rad im Detail:
  • Rahmen und Gabel: Tange Nr. 1 Double Butted CroMoly-Rohre, RH: 52cm (c-t)
  • Farbe: british-racing-green
  • Antrieb: Suntour Superbe Pro 6-fach indexiert, vorne: 52/42 hinten: 14-26, Kette: Connex 808
  • Bremsen: Suntour Superbe Pro
  • Cockpit: Cinelli Giro d’Italia (42cm m-m), Cinelli A1 (100mm), Brooks Cambium Gewebe-Lenkerband
  • Sattel:  Brooks C17 Cambium (natural) auf Suntour Superbe Pro Stütze (26,8)
  • Laufradsatz: Suntour Superbe Pro Naben, Mavic MA2 eloxiert mit 36 Speichen vorne und hinten
  • Bereifung: Michelin Classic 25x700c

 

 

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