Februarrunde

Noch vor einer halben Stunde völlig undenkbar, scheint plötzlich alles zu stimmen. Das leichte aber stetige Brausen des Windes in den Ohren – es ist gewichen. Das sanfte Brennen in den Oberschenkeln – vergessen. Und die gerade noch so kalten Füße und Hände? – Sie senden leicht gribbelnde Lebenszeichen.

Die silbern funkelnden Lichtstrahlen, der sich in der Vorderradnabe spiegelnden Februarsonne, sie ziehen Tom in ihren Bann. „Wie konnte sich schwarz in der Gestaltung moderner Naben nur durchsetzen?“ Das kann er nicht begreifen.

Wunderbar mischen die 32 doppelt endverstärkten Speichen des Vorderrades jetzt im sonnigen Glitzerspiel mit und berauschen den mit Rückenwind dahingleitenden Rennfahrer mit dem leisen Klang der gerade so berauschenden Geschwindigkeit.

Ist es das, was er so liebt an diesem Sport?

 

Tom wechselt auf das große Kettenblatt, das schon bald wieder die Oberhand gewinnen soll auf den schnellen Runden durch seine hügelige Heimat. Vorbei die Zeit des Ausgleichstrainings, der Waldläufe und eiskalten Ausfahrten im kleinen Gang mit schwerem Rad. Vergessen die Grippe, die ihn fast drei Wochen im Griff hatte. Vergessen die öden Stunden auf der Rolle.

Der „Pro Racer“ rollt. Er gleitet durch ein Tälchen, links und rechts der Straße dominiert noch der dunkelgraue Straßendreck des erst kürzlich getauten Schnees. Die Wiesen sind gedrückt, die Felder liegen dunkelbraun brach. Und nicht nur Tom nutzt die Sonnenstrahlen der ersten frostfreien Tage, immer wieder steigt ihm der entfernte Geruch von Mist- und Jauche in die Nase, welche die fünf Grad kühle Februarluft mit Dauerfluss kommentiert. Nicht mehr lange, dann ist auch das vorbei.

Unweigerlich denkt Tom an die frühen Trainingslager vergangener Jahre im warmen Italien. Drei Stunden Training, Cappuccino-Pause und dann wieder drei Stunden auf das Rad. Zwischen den Ausfahrten Essen, Schlafen und Gespräche über Radrennen, Räder und Zipperlein. Für zwei Wochen der wunderbare Rhythmus einer einmaligen Zeit.

Dazu die immanente Hoffnung auf kommende Erfolge, das Herantasten an den Wettkampfgeist mit Ortsschildsprints und imaginären Bergwertungen. Herrlich.

Scharf biegt die Straße jetzt nach rechts und Tom lehnt sich – der Freude des Moments geschuldet – schwungvoll in die Kurve. Er versucht noch ein paar Pedalumdrehungen lang den hohen Gang zu halten und betätigt dann im Wissen um die sich schnell entwickelnde Steigung noch rechtzeitig den Umwerfer.

Hinten klettert die Kette jetzt fast alle zehn Umdrehungen ein Ritzel höher. Beim 23er angekommen wechselt Tom für ein paar hundert Meter in den Wiegetritt. Die ersten Tritte nach dem Hinsetzen liebt er besonders. Durch den Wechsel der beanspruchten Muskulatur bekommt er kurzzeitig neuen Schub, den die Oberschenkelmuskulatur kurz später so früh im Jahr jedoch mit einem leichten Übersäuerungsschmerz quittieren wird, doch bald hat er seinen Rhythmus gefunden. Mit 39/26 kurbelt er in guter Frequenz die noch knapp einstellige Steigung hinauf. Noch 6 Wochen, dann wird er sie mit dem 21er fahren. Jedenfalls war dies in den letzten Jahren immer so.

Wieder denkt er an die geliebten Trainingslager im Süden. Dieses Jahr muss es ohne gehen. Vielleicht macht ihn das sogar ein wenig härter. Härte wird er brauchen. Doch jetzt im Moment, da kotzt es ihn an. Wie soll er bei diesen Bedingungen die nötigen Kilometer sammeln? Noch sechs Wochen, dann beginnt mit dem schweren und immer kalten Frühjahrsklassiker in Cadolzburg die Rennsaison. Dort wird kaum einer am Start stehen, der sich nicht im Mittelmeerraum die nötige Form antrainiert hat.

Oben angekommen schlägt ihm der Wind wieder kalt ins Gesicht. Obwohl die Straße sich jetzt fast eben den Höhenzug entlang zieht, kommt er nicht mehr richtig in Fahrt. Die Beine brennen unangenehm, der Anstieg hat ihn schwitzen lassen und jetzt lässt ihn die kalte Luft frösteln, die zielsicher wie immer seinen feuchten Nacken findet. Wie er sie hasst – diese Schwachstelle. Ein steifer Nacken ist das letzte, was er jetzt gebrauchen kann.

Wolken haben sich vor die tiefstehende Sonne geschoben. Toms Blick heftet sich starr auf den Asphalt vor seinem Rad, der nur noch langsam unter ihm hinweg gleitet. Die Hände in Unterlenkerposition sucht er den Schalter, der seine Gedanken eine Weile still zu legen vermag. Der Wind kommt jetzt in Böen über den Kamm, hat deutlich zugelegt und der Himmel ist düster geworden.

Ein taubes Gefühl zwischen den Beinen bedeutet ihm für ein paar Meter in den Wiegetritt zu wechseln. Erste Graupelkörner tanzen über die Straße und treffen sporadisch mit einem hohlen Laut auf seinen Helm.

Nur wenig später öffnet der Himmel die Schleusen und Tom verschwindet im totalen weiß. „Ja!“ Ruft er in den Wind. „Gib mir mehr davon“. Im Beschuss der Eiskügelchen, die seine Haut an den Wangen brennen lassen, geht er aus dem Sattel und lässt die Kette Ritzel um Ritzel tiefer fallen. Ja, so gefällt ihm das. Der Kampf mit den Elementen. „Härte, Härte, Härte“ sagt er immer wieder zu sich und stemmt sich in die Pedale.

Jede Trübsal ist nun wie weggeblasen und mit einem breiten Grinsen und leichter Schlagseite in dem nun stetig von rechts fegenden Wind bahnt er sich seinen Weg über die eisbedeckte Fahrbahn, in deren weiße Auflage seine  23er Reifen eine dunkle Spur schneiden.

Zwei Kilometer später ist der Spuk vorbei.

Auf fast trockenem Asphalt fliegt Tom nun wieder dem Talgrund entgegen. Sonne und Körperwärme lassen die letzten Graupelreste auf seiner Windstopper-Jacke verschwinden und im Tal angekommen biegt ein einsamer Rennfahrer im Überschwang der Gefühle zu einer Extrarunde ab, die ihn eine Stunde später als geplant, aber in jeder Hinsicht gestärkt, wieder nach Hause führen wird.

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