Fahrrad. Mann. Prostata.

Über eine komplizierte Dreiecksbeziehung.

Radfahren ist gesund. Das ist ziemlich unstrittig.

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die beziehen sich auf die extremen Ausübungsformen unseres Sports. Übertreiben geht schließlich immer.

Für die männlichen Radfahrer wird jedoch immer mal wieder auch eine grundsätzliche Einschränkung dieser These diskutiert, nämlich die, ob regelmäßiges Radfahren Prostatabeschwerden begünstigt.

Schadet Fahrradfahren der Prostata?

Eine akute Prostatitis im Sommer diesen Jahres hat mich mal wieder mit dieser Frage konfrontiert…

 

Mit dem Rennradklassiker fing es an

Ich liebe klassische Rennräder. Schon als ich Anfang des Jahrtausends noch meine letzten Radrennen bestritt, widersetzte ich mich dem unaufhaltbaren Trend zu immer leichteren Carbon-Rennrädern, nahm den Gewichtsnachteil für die gewohnte Optik in Kauf und kehrte mit dem Kauf eines Gios Megalite Stahlrahmens einen Schritt zurück zum schlanken Oberrohr.

Heute bin ich beim Rennradfahren nur noch auf Stahl unterwegs, meist sogar auf wirklich klassischen Modellen, mit der Einschränkung jedoch, dass ich in Hinsicht auf meinen Sitzkomfort keinen Rückschritt mehr möchte.

Aber auch das musste ich erst lernen.

Auf die harte Tour

Mit dem Kauf meines ersten Rennradklassikers aus den Achtziger Jahren kehrte auch beim Sattel ein alter Bekannter in meinen Fuhrpark zurück, der „Turbo“ von Selle Italia, ein Sattel-Klassiker der späten Achtziger und frühen Neunziger Jahre.

Selle Italia Turbo: Legendär, aber nicht wirklich gut zum Dammbereich.

Auf dem Sattel sitzend erinnerte ich mich bei den ersten längeren Touren auch recht schnell an eine andere Geschichte früherer Renntage: das gelegentliche Taubheitsgefühle im Dammbereich und zwischen den Beinen, vor allem bei  montonen Strecken.

Natürlich ignorierte ich das, wie früher auch schon. Andere Sattelklassiker, die nach und nach meinen Fuhrpark bereicherten, machten ihre Sache kaum besser. Das lag manchmal auch daran, dass man selbst bei regelmäßigen Radausflügen einen Brooks Team Professional zum Beispiel kaum mehr einfahren kann, wenn man ständig zwischen mehreren Rädern hin- und herwechselt. Die wechselnde Sitzposition spielte vielleicht auch eine Nebenrolle bei dem, was folgte.

Brooks Team Professional: muss geduldig eingefahren werden.

Mit dem schöneren Wetter im Juni wurden auch die Ausfahrten auf den Radklassikern regelmäßiger und ich begann Probleme im Dammbereich zu bekommen. Zunächst nichts ungewöhnliches, im wesentlichen eine gesteigerte Druckempfindlichkeit. Als sich später ein Brennen beim Wasserlassen dazu gesellte, begann ich mir doch Sorgen zu machen, reduzierte die Ausfahrten und wechselte öfter in den Wiegetritt.

Prostatis

Die Ursache des Brennens war wahrscheinlich bereits eine leichte Entzündung der Prostata, die sicher wieder abgeklungen wäre, wenn ich mir in diesem angeschlagenen Zustand nicht noch irgendwo einen Keim eingefangen hätte, der sich dieser Schwachstelle bemächtigte und mich innerhalb einer Nacht mit gut 40 Grad Fieber ins Krankenhaus beförderte.

Dort hatte ich dann – auch zusammen mit den Ärzten – gut eine Woche Zeit zum Nachdenken, was da wohl schief gelaufen war. Das Urteil der Mediziner war schnell klar, zu viel Radfahren sei eben einfach nicht gut für die Prostata und habe die bakterielle Entzündung sicher begünstigt.

Mit ein paar Monaten Distanz komme ich zu dem Schluß, dass ich vor allem mit dem regelmäßigen Radfahren auf einem für mich nicht passenden Sattel dazu beigetragen habe, dass meine Prostata gereizt und empfänglich wurde für den Keimangriff.

Letzterer selbst war einfach Pech und wäre in einem besseren Allgemeinzustand wohl nie zum Tragen gekommen. Ich laborierte neben den Sitzbeschwerden nämlich auch schon ein paar Wochen an einer hartnäckigen Bronchitis herum.

Die gelegentliche Konfrontation mit den in Frage kommenden Bakterien, entweder aus dem eigenen Körper oder von außen bei Schwimmbadbesuchen und Saunagängen ist im Grunde unvermeidlich.

Gefahr der Chronifizierung

Was sollte ich tun? Die in den Raum geworfene ärztliche Aussage, dass Radfahren der Prostata eben nicht gerade zuträglich sei und ich besser weniger fahren sollte, stürzte mich kurzzeitig wirklich in eine kleine Krise.

Auf Radfahren verzichten ist für einen Enthusiasten wie mich eben keine echte Option.

Auf der anderen Seite ist eine akute Prostatis wirklich kein Spaß, das sei hier zur Sicherheit nochmal gesagt, und ich wollte zukünftig wirklich alles tun, damit sich eine solche Infektion nicht wiederholen würde, auch weil es mitunter lange dauern kann, bis man sich in diesem sensiblen Bereich wieder richtig entspannt.

Gerade letzteres ist sehr wichtig, damit die akute Entzündung nicht in eine chronische (ganz ohne Keim) übergeht. Unter chronischen Beschwerden in diesem Bereich leiden sehr viele Männer, das merkte ich schnell als ich mal wieder selbst über mein aktuelles Problem sprach. Gleich mehrere Bekannte und Kollegen wussten sofort von ähnlichem zu berichten.

Die Behandlung chronischer Beschwerden im Bereich der Prostata ist sehr kompliziert und nicht zuletzt teilweise auch ein psychisches Thema. Ich musste mich mit einer solchen chronischen Entzündung vor vielen Jahren bereits einmal rumärgern (ohne vorangegangene Infektion), von der mich letztlich zum Glück ein sehr guter Osteopath nachhaltig befreien konnte. Mit dem Wissen um seine Hilfe war ich bei meinen aktuellen Sitzbeschwerden jedoch etwas unvorsichtig geworden.

Auch deshalb gehe ich mit dem Thema Prostatabeschwerden jetzt sicher nicht mehr leichtfertig um.

Der Empfehlung, zunächst einmal ganz auf das Radfahren zu verzichten, bin ich dann auch etwa 4 Wochen nachgekommen. Danach fühlte sich alles wie vorher an und ich wagte den Neustart.

Wiedereinstieg

Vor dem Wiedereinstieg stand die Wahl eines neuen Sattelmodells. Ausgehend von der Überlegung, mit welchem Sattel ich bis dahin die wenigsten Probleme hatte, entschied ich mich für einen Brooks C17 Cambium Carved.

Mit dem normalen Brooks C17 Cambium war ich im Frühjahr schon gänzlich beschwerdefrei ein kleines 200 km Brevet gefahren, so dass er mir eine gute Ausgangsbasis zu sein schien. Die Carved-Version zeichnet sich zusätzlich  durch eine Aussparung für den Dammbereich aus.

Durch die Materialeinsparung ist er etwas flexibler und federt Stöße noch besser ab.  Obendrein  ist die Optik des Brooks Cambium aus meiner Sicht absolut Klassiker-tauglich.

Danach flogen sämtliche Radhosen raus, die ich als weniger bequem in Erinnerung hatte, und zu guter letzt nahm ich mir noch meine Sitzposition auf den einzelnden Rädern vor.

Die wesentliche Änderung hier: Der Sattel kam einen Zentimeter tiefer und der Vorbau einen Zentimeter weiter raus. Da ich vorher eine ordentliche Überhöhung gefahren war, hatte ich dafür ausreichend Spielraum.

Zwischenergebnis nach 3 Monaten Praxistest

Alle drei Maßnahmen erweisen sich bisher als erfolgreich. Taubheitsgefühle  im Dammbereich oder tiefer habe ich keine mehr erlebt, auch nicht bei sehr langen Bergauffahrten im Sitzen.

Der Härtetest war sicher die erfolgreiche Teilnahme an der Eroica in Gaiole, bei der ich insgesamt immerhin fast 9 Stunden im Sattel saß, und das auf sehr anspruchsvollem Untergrund.

Auch hier hatte ich keinerlei Sitzprobleme. Einzig das durch die Prostatis ausgefallene Sommertraining machte sich bemerkbar, aber das ist eine andere Geschichte.

Auch die neue Sitzposition mit etwas weniger Überhöhung gefällt mir gut und ich werde versuchen, diese bei zukünftigen Rahmenkäufen von vornherein durch eine etwas größere Rahmenhöhe zu unterstützen.

Mit „gelochtem“ Sattel und weniger Überhöhung: Generalprobe bestanden.

Zusätzlich zu den bereits getroffenen Maßnahmen achte ich jetzt in der kühleren Jahreszeit auf einen guten Windschutz im vorderen Sitzbereich, um mich gerade dort nicht zu unterkühlen.

Meine ersten Prostata-Beschwerden überhaupt waren seinerzeit nämlich auf eine solche Unterkühlung im Zusammenhang mit dem Wintertraining auf dem Rennrad zurückzuführen gewesen.

Grundsätzliche Empfehlungen

Dadurch, dass ich bereits vor mehr als zehn Jahren das erste Mal mit Prostatabeschwerden in Form einer chronischen Prostatitis in Berührung gekommen bin, habe ich auch außerhalb des Radsports Beobachtungen machen können, die ich gerne weitergeben möchte.

Zuviel Sitzen ist Gift.

Das gilt nicht nur auf dem Fahrradsattel, sondern insbesondere auch im Auto und wahrscheinlich auch im Büro. Als Außendienstmitarbeiter habe ich schon viele Kollegen kennenlernen dürfen, die eine ähnliche Empfindlichkeit teilen, und das ganz ohne Radfahr-Spleen.

Ich versuche regelmäßig zu pausieren, zwischendrin aufzustehen und unterwegs auch mal ein bisschen Spazieren zu gehen. Zu Hause unterbreche ich meinen Büroalltag durch kurze Einheiten auf dem Mini-Trampolin.

Bewegung, Bewegung, Bewegung

Außerdem gehe ich mittlerweile mindestens so oft zum Laufen wie zum Radfahren. Das Laufen und das Training auf dem Mini-Trampolin mobilisieren die betroffene Körperregion, statt sie zusätzlich statisch zu belasten. Jegliche Art von Bewegung tut hier gut, je vielseitiger desto besser.

Zum Osteopathen

Und wenn es doch mal zwickt, dann gehe ich zum Osteopathen, der durch seine Behandlung für eine zusätzliche Mobilisierung und bessere Durchblutung des Organes sorgen kann und das wirkt der Angespanntheit, die aus meiner Sicht Ursache vieler chronischer Beschwerden ist, wirkungsvoll entgegen.

Wenn die Beschwerden jedoch von Fieber begleitet werden, dann ist es für den Osteopathen erstmal zu spät. Dann hilft nur der Gang zum Urologen, denn dann hat man sich eine akute Infektion zugeszogen, und mit der ist nicht zu spaßen, wie ich im vergangenen Sommer lernen durfte.

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