Erinnerungen an den Sommer 1992

Ein Rückblick auf die ganz große Freiheit.

Wir haben uns heute Morgen in Nördlingen auf unsere vollbepackten Räder geschwungen – zwei notdürftig mit Gepäckträgern zum Reiserad umgerüstete Rennräder. Dabei haben wir nur das Nötigste. Ein Rennrad ist kein Packesel.

Neben einem kleinen Zelt, Schlafsäcken, zwei Pappdeckel-dünnen Alumatten, Kocher und Werkzeug ist nur noch wenig Raum für Kleidungsstücke. Egal, es geht in den Süden. Unser Ziel ist Sizilien.

Zeit und Energie haben wir, gerade 18-jährig, in Hülle und Fülle. Geld dafür umso weniger. Und gerade letzteres erweist sich als großer Glücksfall.

Gastfreundschaft

Irgendwo im Lechfeld und der erste Tag neigt sich dem Ende. Es regnet in Strömen und der Enthusiasmus ist rekordverdächtig schnell geschrumpft. Müssen wir bei diesem Wetter zelten? Und wenn, wo?

Ein Hotel würde unser Budget gleich am ersten Tag sprengen. Es ist aber sowieso keines in Sicht, auf unserer Route scheint es nur Bauernhöfe zu geben. Vielleicht lässt uns ein Bauer in seinem Stall schlafen? In meinen Kinder- und Jugendromanen ging das doch auch immer.

Und tatsächlich, die Nachfrage am ersten Bauernhof führt nicht nur zu einem üppigen Abendessen im Warmen, sondern auch zu einer kostenlosen und warmen Nacht im Gästezimmer. Federbetten, tolle Gespräche und Erinnerungen inklusive. So kann es weitergehen.

Wildes Zelten

Der Alpenüberquerung folgten die ersten Erfahrungen im wilden Campen.

Mitten in der Po-Ebene werden wir im Vorbeifahren zu einem Straßenfest eingeladen und verlieren dabei die Zeit aus dem Sinn. Ein Campingplatz ist bald nicht mehr erreichbar. Ich kann mich heute noch lebhaft an die vielen Geräusche der Nacht aus den Feldern rund um unser einsames Zelt erinnern. In dieser, meiner ersten Nacht auf freiem Felde, schlafen wir trotz Müdigkeit erst spät ein, aber sie ist der Schlüssel zu einer ungeahnten Freiheit.

Eingeladen werden wir auf dieser Reise immer wieder, zum Teil direkt von der Straße weg. Wir fragen nach dem Weg und als wir den schweren und schönen, dem einfachen vorziehen, hinterlassen wir beim gefragten so viel Eindruck, dass er wenige Kilometer später am Straßenrand auf uns wartet und direkt zum Essen einlädt, das uns seine Frau eine Stunde und zwei Gläser Wein später auf dem Balkon ihres Landhauses serviert.

Freiheit pur

Seit der Nacht in der Po-Ebene steuern wir Campingplätze nur noch jeden dritten Tag zum Duschen und zum Waschen an. Und so banal diese Entscheidung sich gerade im Nachhinein liest, so bedeutet sie doch einen enormen Freiheitsgewinn für unsere Reise. Das Einschlafen fällt uns fortan auch nicht mehr schwer.

Das Nachtlager aufzuschlagen, wo man es selbst für geeignet hält, und unabhängig von vorgegebenen Unterkünften oder Plätzen, ist Freiheit pur!

Leider habe ich das bei späteren Radreisen mangels finanzieller Notwendigkeit wieder verlernt, selbst in Skandinavien, wo es offiziell erlaubt ist, habe ich nur auf Campingplätzen oder in Hütten geschlafen. Die Hemmschwelle hat das natürlich wieder ansteigen lassen.

Südlich von Rom schlafen wir nur noch direkt am Meer und sparen uns damit in der Folge auch noch den Zeltaufbau. Die Nächte direkt unter dem Sternenhimmel – mit Meeresrauschen im Hintergrund – sind einzigartig. Nur mit dem lieben Sand in jeder Pore muss man dabei irgendwann seinen Frieden schließen.

Diskussionen unter Sternenhimmel

Die Diskussionen und Gedanken, die durch einen allabendlichen Blick in den Sternenhimmel entstehen, verkürzen so manche Nacht und verrücken das eigene Weltbild.

Wir genießen die Freiheit und gewöhnen uns so sehr an sie, dass wir ihr letztlich sogar unser Ziel „Sizilien“ opfern. In Neapel angekommen, setzen wir spontan nach Sardinien über. Wir durchqueren einen Teil dieser wunderschönen und wilden Insel, die so gut zu unserer neuen Reiseform passt. Mehrfach war uns unterwegs dieser Schritt empfohlen worden: „Fahrt auf die Inseln, in Sizilien ist nur die Mafia“.

Unvergessen auch die Nacht auf dem Dach eines Bunkers am Strand in der Nähe von Alghero. Ein Hirtenjunge warnt uns 20 km vorher bei der Vorbereitung unseres Nachtlagers vor wild laufenden Hunden, sodass wir wieder zusammenpacken, bis zur Küste weiterfahren und dankbar eine harte Betonunterlage in Kauf nehmen. Gut zwei Meter oberhalb des Strandes, auf dem Dach eines alten Bunkers, fühlen wir uns vor wilden Hunden sicher.

Flexibilität

Unsere Reise endet schließlich, ganz anders als geplant, nach einer weiteren Fährfahrt nach Toulon in Frankreich, und nach ein paar hundert Radkilometern entlang der französischen Küste, am Fuße der Pyrenäen.

Dort wissen wir meine Eltern im Urlaub. Und wir wollen unser letztes Geld lieber in die weitere Reise statt in eine teure Bahnfahrt zurück investieren, sodass wir die Route einfach entsprechend anpassen.

Meine Eltern staunen nicht schlecht über die unerwarteten, aber willkommenen Mitbewohner für die letzten Tage ihres Urlaubs und die darauf folgende Heimreise.

Wieder im Jetzt

Auch 25 Jahre später ist diese Radreise in meiner Erinnerung noch sehr präsent. Sie gehört zu den prägenden Erlebnissen, die ich mit dem Fahrrad erleben durfte.

Und dennoch ist sie nur eine von zwei besonders schönen Erinnerungen an diesen Sommer 1992, der noch weitaus mehr Einfluss auf den weiteren Verlauf meines Lebens haben sollte. In der anderen  jedoch kommt kein Fahrrad vor.

 

 

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