Japanische Zurückhaltung: Tsunoda

Toller Japaner: Tsunoda aus den 1970ern.

Nach all den Jahren, in denen ich mich jetzt schon mit klassischen Rennrädern beschäftige, kann ich eines klar sagen: Ich habe eine besondere Vorliebe für japanische Rennräder und Komponenten.

Als sich mir kürzlich die günstige Gelegenheit bot, ein ziemlich seltenes Tsunoda Rahmen-Set aus Mitte der 1970er Jahre zu kaufen, habe ich nicht lange gezögert. Also keine Sekunde.

Mit seiner zurückhaltenden Farbgebung, den Chrommuffen und nicht zuletzt dem tollen Erhaltungszustand hat es mir sofort gefallen.

 

Klassische Rennräder aus Japan

Schon meine beiden Centurion-Rennräder, das Semi-Professional von 1978 und das Professional von 1980 begeisterten mich von Anfang an.

Die Verarbeitungsqualität sucht ihresgleichen. Und ich habe noch keines aus den eigentlichen Rennrad-Hochburgen Italien oder Frankreich gesehen, das mich mehr, oder auch nur genauso überzeugt hätte.

Dazu kommen die zurückhaltende Farbgebung der japanischen Rennräder aus den Siebziger- und Achtziger-Jahren, der extrem sparsame Einsatz von Schriftzügen (Decals) und die elegante Linienführung. Bei den drei japanischen Rennrädern, die ich besitze, wird sie durch dezente Sichtchrom-Einlagen an Muffen und Gabelkopf noch unterstrichen.

Tsunoda Rennrad 1976
Japanisch zurückhaltend: Das Tsunoda Rennrad aus Mitte der Siebziger-Jahre

Bei meinen Centurion-Rennrädern muss ich zusätzlich die unvergleichlich gute und schlagfeste Lackqualität erwähnen, und das obwohl beide komplett unterverchromt sind. In vielen anderen Fällen ist das der Lackanhaftung sonst nicht förderlich.

Mein neuer Japaner

Das Tsunoda gefällt wie seine beiden Vorgänger also durch seine dezent elegante Erscheinung. Die Verarbeitungsqualität ist auf nicht ganz so hohem Niveau, aber für ein Rennrad der 1970er Jahre immer noch sehr gut.

Dem Rahmen-Gewicht und auch dem Sattelstützendurchmesser (26,8) nach zu urteilen, könnte es auch aus dem gleichen Rohrsatz gefertigt sein wie die Centurion-Rahmen (Tange Champion). Sicher lässt sich das mangels Unterlagen aber nicht mehr feststellen. Es könnte genauso gut z.B. aus Ishiwata-Rohren hergestellt worden sein.

Dura Ace Black am Tsunoda
Muffen und Gabelkopf mit Sichtchrom. Shimanos Dura-Ace 1. Gen. Bremskörper in schwarz als Kontrast.

Informationen zu Tsunoda-Rennrädern findet man nur sehr spärlich, im Grunde fast nichts. Die beste Quelle, die ich zur Marke Tsunoda zitieren kann, ist das wirklich lesenswerte Buch „Japanese Steel“ von William Bevington und Scott Ryder, das ich jedem Fan klassischer Rennräder nur empfehlen kann.

Tsunoda, der wenig bekannte Hersteller

Leider ist hierzulande also nur wenig bekannt über den japanischen Hersteller Tsunoda. Dabei hat Tsunoda eine Geschichte als Hersteller von Fahrrädern, die bis in die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück reicht. Allerdings trat Tsunoda meist nicht selbst als Hersteller in Erscheinung, sondern fertigte vor allem im Auftrag für andere Hersteller.

In den Siebziger- und Achtziger Jahren bemühte man sich jedoch auch als Hersteller qualitativ hochwertiger Rennräder bekannt zu werden. Erfolgreich war man damit vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort wurden Tsunoda-Rennräder ab den Achtziger-Jahren erfolgreich unter dem Namen Lotus vermarktet und einigermaßen bekannt. Zu dieser Zeit wurden bei Tsunoda immerhin mehr als 40.000 Fahrräder pro Monat hergestellt.

Shimano Crane Schaltung
Antrieb am Tsunoda: Shimano Dura-Ace Schaltgruppe der 1. Generation (Crane).

Die hochwertigeren Rennräder wurden weiterhin unter der eigentlichen Marke Tsunoda gefertigt, erreichten aber nie große Stückzahlen. Entsprechend selten sind sie heute zu finden. Zu meinem Rahmen konnte ich lediglich einen japanischen Prospekt von 1976 auftreiben. Demnach scheint er zu dieser Zeit das Top-Produkt im Programm von Tsunoda gewesen zu sein.

Aero-Verirrung Anfang der Achtziger-Jahre

Etwas häufiger sieht man heute noch die Tsunoda bzw. Lotus Aero-Modelle mit ihren stromlinienförmigeren Rohrsätzen (Tropfenform). Diese wurden in den frühen 1980er Jahren zusammen mit den von Shimano ebenfalls aerodynamisch optimierten AX-Komponenten ausgestattet.

Diesen Anfang der Achtziger-Jahre ausgeprägten japanischen Fokus auf eine aerodynamische Gestaltung von Rennrädern und ihren Komponenten, muss man rückblickend wohl als letzten Flop vor ihrem großen Durchbruch betrachten.

Zugumlenkung mit Schelle
Typisch für die 1970er Jahre: Schelle für die Zugumlenkung am Tretlager

Erst danach, nämlich im Sog des Mountainbike-Booms, gelangen Shimano und anderen japanischen Herstellern der Durchbruch auch im Bereich der Rennräder. Shimanos Dura-Ace Gruppe wird da bereits in der vierten überarbeiteten Version hergestellt (7400).

NeuAufbau des Tsunoda Rennrades

Es kann ein Vorteil sein, wenn man wenig bis nichts zu einem alten Rennrad findet, weil man beim Aufbau völlig frei ist. Nicht dass ich mich sonst an Katalog-Aufbauten abarbeiten würde, aber ein bisschen hat man das Original meist schon im Kopf, wenn man einen alten Rahmen wieder zum Rennrad komplettiert.

Tsunoda 1976 Strebenanlegung
Schöne Anlegung der verchromten Sattelstreben am Tsunoda.

Ich habe mich trotzdem bemüht, den Rahmen periodengerecht aufzubauen, d.h. mit Komponenten, die es zu seiner Zeit gab. Schon damals hätte er im Grunde so ausgestattet werden können. Und wie sonst auch, habe ich Ausnahmen bei den üblichen Verschleissteilen wie Reifen und Kette gemacht. Ich möchte das Rennrad ja fahren und nicht nur anschauen.

Nitto am Tsunoda
Frontansicht am Tsunoda: dezentes Logo und ein Cockpit von Nitto.

Genau deswegen mache ich auch im Bereich des Sattels und der Vorbau-Lenker-Kombination gerne Kompromisse. Oder eben keine, das ist wohl eine Frage der Perspektive.

Ich achte zwar darauf, dass es stimmig aussieht, möchte für meine Gesundheit aber auch keine unnötigen Risiken eingehen. Folglich griff ich auch beim Tsunoda wieder zu einem Brooks Cambium Sattel (hier C15) und einer Nitto Vorbau-/Lenker-Kombination.

Für meine Lieblingsschaltgruppe, der ersten Generation von Shimanos Dura-Ace, sprach neben meiner Vorliebe und meinem guten Ersatzteilbestand auch, dass es die Komponenten sowohl in schwarz als auch in silber gab. So entschied ich mich bei den Bremsen für zwei schwarze Kontra-Punkte zum ansonsten sehr hellen und dezenten Rad.

Komplettiert habe ich das Tsunoda Rennrad schließlich mit einer zeitgerechten Sakae Custom Sattelstütze und Laufrädern, die mit Dura Ace Hochflansch-Naben, Mavic Module E Felgen und 28er Panaracer Pasela Reifen ausgestattet sind.

Tsunoda von seblog
Mein neues Tsunoda Rennrad bei der ersten Ausfahrt.

Die erste längere Ausfahrt mit dem Tsunoda hat mir bei schönstem Frühlingswetter gleich ein Dauergrinsen beschert. Mein Kandidat für die erste Klassikerausfahrt des Jahres, der In Velo Veritas im österreichischen Poysdorf, steht damit also fest. Ich kann es kaum erwarten!

 

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