Sammelleidenschaft = n+1

Vom Jagen und Sammeln.

Gefragt nach der idealen Anzahl antwortet der leidenschaftliche Sammler gerne mit „n+1“, wobei „n“ immer für die gerade aktuelle Menge an Fahrrädern steht.

Gedanken zum Ausmaß einer Leidenschaft…

 

Ein Überschaubarer Markt

Wenn man sich mit klassischen Rennrädern befasst, dauert es nicht lange und man trifft auf Gleichgesinnte. Es beginnt zum Beispiel damit, dass man ein Ersatzteil benötigt und das Internet danach durchsucht.

Schnell merkt man, dass sich dieser Markt neben wenigen kommerziellen Anbietern zum größten Teil bei privaten Anbietern über Kleinanzeigen, auf Auktions-Plattformen und in Internet-Foren abspielt.

Man kommt schnell in Kontakt mit denen, die auch gerade etwas suchen, anbieten oder generell auf der Jagd nach alten Rennrädern und Teilen dafür sind. Und schon ist man mittendrin.

Die ersten Einkäufe

Mein erster Rennrad-Klassiker, ein weißes Bianchi Rekord 910s, war beim Kauf noch weitgehend original ausgestattet und in tadellosem Zustand. Ich musste nach dem Kauf nicht wirklich viel investieren, dafür war es mit einem Preis von 400€ seinerzeit auch kein Schnäppchen.

Einzig ein neues Paar Schalthebel (der rechte SL-6208 von Shimano ist empfindlich und nach mehr als 30 Jahren fast immer defekt) und die Bremshebel, die durch den Vorbesitzer irgendwann durch modernere ersetzt wurden, musste ich wechseln. Dazu das, was ich eigentlich immer erneuere, nämlich Reifen, Lenkerband und Kette.

Die beiden benötigten Komponenten verschafften mir dann auch gleich einen guten Eindruck von der möglichen Bandbreite der Ersatzteilbeschaffung im Internet.

#Bianchi Rekord 910s
Mein erster Radklassiker: Bianchi Rekord 910s

Bei den Bremsgriffen hatte ich zu wenig Geduld und kaufte sie bei einem kommerziellen Anbieter für gute 70€, was für ein paar Shimano 600 Bremsgriffe (BL-6208) schon ein satter Preis ist. Aber sie stammten aus sog. „new old stock“ (NOS), waren also unbenutzt und noch mit den originalen Naturkautschuk-Hoods ausgestattet.

Die Schalthebel hingegen bekam ich für eher symbolische 10€ in einem Internet-Forum, in dem sich alles um alte Rennräder dreht und in dem ich mich noch heute regelmäßig aufhalte und mit Teilen versorge.

Der Marktpreis für die beiden Teile lag wohl irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Summa summarum hatte ich also gar nicht so schlecht eingekauft.

Fährst Du noch oder sammelst Du schon?

Taucht man wie ich damals, gefesselt vom neuen Betätigungsfeld mit alten Rennrädern, dann etwas tiefer in die Szene ein, dauert es nicht lange und man stößt auf den ersten Sammler, dessen Keller nicht nur ein Dutzend alter Rennräder beherbergt – was ich bis dahin für viel hielt – sondern schon eher eine Hundertschaft.

Alte Rennräder haben offenbar das Potential, dass einen die Sammelleidenschaft richtig packt.

Auf der anderen Seite trifft man aber auch auf Kollegen, die sich in Bezug auf die eigenen Objekte der Begierde extrem beschränken können, mit einem einzigen eigenen Rennrad von Veranstaltung zu Veranstaltung fahren und sich trotzdem nicht weniger an der Materie erfreuen – nur eben zwangsläufig etwas theoretischer.

#Bianchi 22" Kinderrennrad
Bianchi Bambini Rennrad mit extrem seltenen 22″ Rädern. Wenn der Papa sammelt, kommt auch der Sohn nicht zu kurz.

Die große Mehrheit bewegt sich irgendwo dazwischen und zeichnet sich aus meiner Sicht besonders dadurch aus, dass sie es schafft, die begehrten Objekte auch noch regelmäßig selbst zu bewegen.

Der Reiz des Fangs

Warum es nicht immer leicht fällt, die Anzahl der eigenen Räder zu begrenzen, ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Zum einen ist es sicher der Reiz des besonderen Fanges, für den es dank Internet-Auktionen und Online-Kleinanzeigen auch bei steigender Nachfrage immer noch ein großes Angebot gibt.

Zum anderen handelt es sich beim Sammeln alter Rennräder immer noch um ein vergleichsweise günstiges Hobby. Verglichen mit den Preisen für aktuelle Spitzenprodukte im Rennradbereich fallen die Preise für die Spitzenprodukte vergangener Zeiten geradezu niedrig aus, selbst wenn es sich dabei um 30 oder 40 Jahre gelagerte Neuware handelt.

Shimano Dura Ace Schaltgruppe aus den späten 70er Jahren.

Ein aktuelles Shimano Dura-Ace Schaltwerk zum Beispiel schlägt mit mindestens 165€ zu Buche, eines der ersten Generation aus den Siebziger Jahren bekommt man im ungebrauchten Zustand mit etwas Geduld leicht für die Hälfte. Bei vielen anderen Komponenten ist der Faktor zwischen aktuell und historisch noch viel größer.

Selbstbeschränkung

Recht schnell kommt man bei der Beschäftigung mit alten Rennrädern an den Punkt, an dem man sich überlegt, wie viele Räder und Teile einem noch gut tun und wann es des Guten zu viel wird. Jedenfalls ging es mir so.

Und gerade dann, wenn man beschlossen hat, dass der Keller für einen langen Winter ausreichend gefüllt ist, steht plötzlich der Nachbar vor der Tür und bietet einem ein altes Rad an. Das Interesse an alten Rädern bleibt eben nicht unbemerkt.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines weiteren Fahrrades, die gerade von der Partnerin immer mal wieder gestellt wird (wahrscheinlich sogar zu Recht), kann ich wohl am ehesten so beantworten, wie es der Bergsteiger George Mallory tat, als er gefragt wurde, warum er auf den Mount Everest steigen wolle:

„Weil er da ist“.

Im Grunde ist es mit den klassischen Rennrädern nämlich genauso. Du siehst eines und weißt plötzlich, dass du es brauchst.

Die Grenzen der Sammelleidenschaft

Wenn mich also wieder so ein Rennrad lockt, frage ich mich dann auch eher „Warum sollte ich es nicht kaufen?“ statt umgekehrt.

Und dafür gibt es dann schon ein paar vernünftige Argumente, fachliche Bedenken und solche zum Zustand einmal völlig außer Acht gelassen:

  • Anschaffungs- und Ersatzteilkosten,
  • Zeitaufwand für die Restauration,
  • Platzbedarf        … und ja
  • auch Zweifel an der Notwendigkeit.

Letztere ist natürlich nicht im eigentlichen Wortsinn gemeint, denn notwendig ist mehr als ein funktionierendes Rennrad wohl nie.

Für mich bedeutet notwendig im Zusammenhang mit Fahrrädern vor allem, ob ich das neue Rad noch ausreichend fahren kann, neben den bestehenden.

Zusätzlich beurteile ich einen potentiellen Kauf auch danach, ob mit der Anschaffung zumindest ein nennenswerter Erkenntnisgewinn für mich verbunden ist.

Letzterer ist meist dann gegeben, wenn es sich um ein Rad aus einem anderen Jahrzehnt handelt, es aus einem neuen Ursprungsland kommt oder wenn es einem alternativen Einsatzzweck dient (z.B. Cyclocross oder Reise).

Und neben allen Argumenten spielt auch das Bauch-Gefühl immer eine entscheidende Rolle.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich redlich bemühe, nicht mehr Rennräder zu besitzen, als ich regelmäßig nutzen kann.

Zurück in den Warenkreislauf

Da ich auf den Spaß und die Erfahrungen mit neuen Rädern nicht dauerhaft verzichten möchte, muss ich mich nach Neuanschaffungen immer wieder von bestehenden Rädern trennen, auch von solchen, die mir sehr gut gefallen und gepasst haben.

#Hercules Salerno von 1989
Von diesem Hercules Salerno (1989) musste ich mich wieder trennen.

Das fällt mir manchmal schwer, aber es eröffnet im Gegenzug die Möglichkeit, mich immer wieder mit neuen „alten“ Rädern zu beschäftigen und meinen Bestand dabei trotzdem im vernünftigen Rahmen zu halten.

Aktuell erwarte ich mein erstes klassisches Cross- oder Querfeldein-Rad, wie man seinerzeit sagte. Ein Empella aus Anfang der Achtziger Jahre ist auf dem Weg zu mir.

Gehen muss dafür der erst kürzlich gefangene Peugeot PR 60 Randonneur. Sein Rahmen erwies sich bei genauerer Betrachtung als so schlecht verarbeitet und schief, dass ich ihn nicht einmal zurück in den Warenkreislauf entlassen möchte. Auch das passiert einem bei diesem Hobby von Zeit zu Zeit.

#Verarbeitungsmangel Peugeot Rennrad
Nicht die einzige Verarbeitungsschwäche. Schräg angelöteter Bremssteg beim Peugeot PR 60.

Der Rahmen des Peugeots ist für Aufbau- und Fahrfreude nicht mehr zu gebrauchen, er wird mir demnächst – zersägt – als Hocker, Toilettenpapier-Halter oder ähnlichem dienen. Mal sehen, was mir dazu noch einfällt.

Rennrad-klassiker als Geldanlage

Schließen möchte ich meinen Beitrag mit einem Wort zur Wertstabilität oder gar -steigerung bei klassischen Rennrädern.

Immer wieder höre ich das Argument vom zu erwartenden Wertzuwachs alter Rennräder, wenn ich mich mit anderen Rennrad-Liebhabern über Sinn und Unsinn der Sammelleidenschaft unterhalte.

Und natürlich kann man annehmen, dass allein dadurch, dass bestimmte Teile und Räder durch die weitere Nutzung und den wachsenden Zeitraum seit ihrer letzten Fertigung, immer seltener werden.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach klassischen Rennrädern wohl immer noch an. Diese Kombination muss im Grunde steigende Preise und damit eine Wertsteigerung zur Folge haben.

Sicherlich hat mancher Sammler schon davon profitiert, frühzeitig damit begonnen zu haben, seltene Teile und Räder zu erwerben und kann sie heute zu einem höheren Preis veräußern.

Dennoch halte ich das Argument der Wertsteigerung für ungeeignet, die eigene Sammelleidenschaft neben dem damit verbundenen Spaß auch noch finanziell legitimieren zu wollen.

#Centurion Semi Professional (1978)
Unterwegs auf einem meiner liebsten Rennräder, dem Centurion Semi Professional (1978)

In den knapp drei Jahren, in denen ich mich mit klassischen Rennrädern befasst habe, konnte ich eine generelle Preissteigerung und damit einen Wertzuwachs der eigenen Sammlung jedenfalls nicht feststellen.

Dieser Effekt beschränkt sich aus meiner Sicht nämlich auf sehr wenige, besonders gefragte Sammlerobjekte und Marken, wie sie originale Teamräder zum Beispiel darstellen.

Dieser Markt ist jedoch eine Spielwiese, auf der sich eher sowieso schon wohlhabende, internationale Sammler tummeln, statt Rennradfahrern mit leidenschaftlichen Hang zu schmalem Geröhr aus Stahl, so wie ich einer bin.

Allein dadurch, dass ich meine Räder regelmäßig fahre, verlieren sie rechnerisch ständig an Wert, nicht jedoch für mich selbst.

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