Die Eierlegende Rollmichsau

Das perfekte Fahrrad, aka die Eierlegende Rollmichsau.

Kürzlich bin ich über das Bild einer schönen Randonneuse gestolpert und sofort daran hängen geblieben. Diese Mischung aus Renn- und Reiserad zieht mich einfach magisch an, obwohl ich selbst nur in selten Bedarf für ein Randonneur-Rennrad habe, wie es hierzulande meist genannt wird.

Wahrscheinlich kann ich mich dieser Gattung Räder deswegen nicht entziehen, weil sich für mich darin gleich zwei Sehnsüchte ausdrücken. Zum einen die Suche nach dem perfekten Fahrrad und zum anderen die große Freiheit einer ausgedehnten Radfahrt.

Eine spontane Wortschöpfung

Das perfekte Fahrrad spukt mir in Anlehnung an die umgangssprachlich weit verbreitete Redewendung von der „Eierlegenden Wollmilchsau“ seit Tagen als Eierlegende Rollmichsau durch den Kopf.

Deshalb habe ich mich heute spontan dazu entschlossen, diese Wortschöpfung in einem Blogbeitrag zu verarbeiten. Meinen Traum vom perfekten Rad werde ich zukünftig also Eierlegende Rollmichsau nennen – oder in Kurzform ERS.

Warum? Weil es für das Rad, das ich dahinter vermute (von Wissen kann nämlich noch keine Rede sein), wahrscheinlich noch keinen Namen gibt. Im Grunde kann es dafür auch keinen geben, denn die ERS dürfte für jeden leidenschaftlichen Radfahrer – je nach eigenem Schwerpunkt – anders aussehen, zumindest in Nuancen.

Sucht man im Netz nach der „Eierlegenden Wollmilchsau“ findet man eine Wortschöpfung, die ein virtuelles Zuchtvieh beschreibt, das nur noch Vorteile hat (frei nach Wikipedia), also zum Beispiel Eier legen kann, Milch gibt und bestes Fleisch. Selbstverständlich produziert es auch noch feinste Merinowolle, für uns Radfahrer zum Beispiel.

Wenn das der Aufgabe nicht gerecht wird?

Die Lösung der Fahrradindustrie

Dieses virtuelle Zuchtvieh ist im übertragenen Sinn also in etwa das, was ich von einem perfekten Fahrrad auch erwarte. Es soll so leicht rollen wie ein Rennrad, Gepäck aufnehmen können und mich bei jedem Wetter, sowie zu jeder Tages- und Nachtzeit, zuverlässig und bequem transportieren.

Kein Problem sagt die Fahrradindustrie und bietet dafür seit Jahrzehnten das sogenannte Trekking-Rad mit Vollausstattung an, mal etwas sportiver, mal etwas bequemer, aber immer Sack-schwer und mit wenig Sex-Appeal.

Ein solches Trekking-Bike spricht mich ungefähr so an wie eine alte Radhose aus Wolle mit Hirschledereinsatz. Wobei letztere zumindest stilistisch noch punkten kann.

Die Eierlegende Rollmichsau
Mein Stevens-Randonneur sagte mir aufgrund des Sloping- Rahmens nie richtig zu. Eben auch nur ein Trekking-Rad mit Rennlenker.

Natürlich muss man der Fahrradindustrie zu Gute halten, dass es wahrscheinlich gar keine echte Nachfrage nach dem Fahrrad gibt, das ich und eine Handvoll Radverrückter für perfekt halten.

Schnelles Radwandern zu jeder Jahreszeit gehört nicht gerade zu den Aktivitäten, der sich hierzulande die Masse verschreibt. Streng genommen bewege ich mich real ja selbst nur noch sporadisch bei Dunkelheit und Regen mit dem Fahrrad. In meinen Gedanken sieht das natürlich ganz anders aus.

Radverrückte gibt es genug, aber je sportlicher sie unterwegs sind, desto eher werden sie auf spezialisierte Räder zurückgreifen. So lassen sich statt einem, schnell drei Räder verkaufen: ein Mountainbike, ein Rennrad und eines für den Alltag.

Gravel-Bikes

Die seit einigen Jahren angesagten Gravel-Bikes hingegen, eine geometrisch leicht entschärfte Form früherer Cycloross-Räder, haben schon das Potential, zumindest für einen Teil der Radsportler sowohl das Rennrad als auch das Mountainbike zu ersetzen. Das funktioniert allerdings nur solange diese ihren Sport abseits von Wettkämpfen betreiben, in den einzelnen Disziplinen nämlich ist ein Gravel-Bike den Spezialisten unterlegen.

Wenn ich mich heute auf ein einziges Rad als Sportgerät festlegen müsste, dann würde ich wohl auch ein Gravel-Bike wählen.

Dass ein Gravel-Bike für mich trotzdem nicht das perfekte Rad ist, liegt an der mangelnden Alltags- und Reisetauglichkeit. Selbst mit den eigens dafür geschaffenen Bike-Packing-Lösungen, die komplett ohne Gepäckträger auskommen, wird aus einem Gravel Bike eben keine Eierlegende Rollmichsau. Überdies sehen derart bepackte Räder für mich einfach unterirdisch aus.

Anforderungen an das perfekte Rad

Zurück zum perfekten Rad oder der ERS, wie ich sie mir vorstelle.

Wie könnte ein solches Rad aussehen?

Den Einsatzzweck habe ich weiter oben bereits angerissen: Ein schnelles Fahrrad für alle Eventualitäten. Und scharf aussehen muss es auch.

Rein technisch betrachtet geht es also um:

  • Schnelles und bequemes Vorankommen,
  • auf unterschiedlichen Untergrund,
  • bei jedem Wetter und
  • zu jeder Tageszeit,
  • mit der Möglichkeit Gepäck zu transportieren.

Nicht technisch, sondern persönlich betrachtet, muss es zudem meinen ästhetischen Ansprüchen genügen. Mein Fahrrad muss mir gefallen, sonst streikt mein Kopf.

Erste Überlegungen zur Eierlegenden Rollmichsau

Bei der Planung dieser Allzweckwaffe auf zwei Rädern gibt es für mich ein paar entscheidende Planungsfelder, auf die ich näher eingehen will.

Sie betreffen vor allem die sich eigentlich widersprechenden Schnittstellen zwischen leicht und schnell auf der einen Seite sowie breit einsetzbar und ausreichend ausgestattet auf der anderen.

Eine nähere Betrachtung benötigen demnach mindestens:

  • Rahmen (Anlötteile, Geometrie, Material)
  • Bremssystem
  • Laufräder (Größe und Breite)
  • Übersetzung
  • Gepäcktransport
  • Licht und Schutzbleche

Die Wahl der anderen Komponenten wie z.B. dem individuell bevorzugten Sattel, der Schaltgruppe, der Pedalen oder des Cockpits (Lenker und Vorbau) haben vergleichsweise wenig Auswirkungen auf die Wahl und Gestaltung des Rahmens. Sie lassen sich deshalb hinterher auch eher leicht korrigieren.

Persönliche Fixpunkte

Wenn man eine lange Zeit auf verschiedenen Fahrrädern unterwegs ist, dann entwickeln sich Vorlieben, an denen man nicht mehr rütteln will. In meinem Fall sind das vor allem die beiden folgenden:

  • Mein Rahmen muss aus Stahl gefertigt sein und eine klassische Geometrie mit horizontalem Oberrohr aufweisen.
Hardo Wagner Tretlagergehäuse
Ich schätze sowohl gemuffte Stahlrahmen als auch klassische Konuslager.
  • Außerdem ist für mich die Verwendung eines Rennlenkers schlicht obligatorisch. Bei jedem anderen Lenker schlafen mir irgendwann die Hände ein. Und auch optisch reicht kein anderer an die perfekte Form des Rennlenkers heran. Einmal daran gewöhnt, will man nichts mehr anderes.

Ansonsten bin ich aber offen für Experimente.

Das heißt aber nicht, dass ich nicht noch weitere Vorstellungen hätte, was die Ausstattung meiner ERS angeht, nur bin ich da weniger festgelegt:

  • Schaltsystem: Kettenschaltung
  • Kurbelgarnitur: max. 2-fach
  • Bremsen: Felgenbremse (Seilzug)
  • Sattel: Brooks Cambium Carved
Die Basis: der Rahmen

Denkt man an den Aufbau eines Fahrrades, dann steht meist unmittelbar die Frage nach dem geeigneten Rahmen im Raum. Der Rahmen ist das Kernstück des späteren Rades, ohne den der Aufbau nicht starten kann.

Da die Wahl des Rahmens jedoch von einer ganzen Reihe von Entscheidungen in Bezug auf die Komponenten abhängt, wie z.B. der Frage nach dem passenden Bremssystem (Felgen- oder Scheibenbremse), müssen ein paar wesentliche Festlegungen zu den anderen Fahrradteilen vor der des Rahmens getroffen werden.

Die nötige Ausstattung

Meine ERS sollte nur aus den nötigsten Komponenten bestehen, aber wenn sie  die oben genannten Anforderungen wirklich erfüllen soll, dann sind Schutzbleche, Licht und ein Gepäckträger hinten sowie Lowrider-Ösen vorne Pflicht.

Die tatsächliche Ausführung der genannten Ausrüstungsteile füllt insbesondere in Bezug auf die Frage nach dem geeigneten Beleuchtungskonzept locker ganze Foren.

Schon deshalb will ich an dieser Stelle noch nicht tiefer darauf eingehen.

Die Laufräder

Eine nicht minder häufig diskutierte Frage ist die nach der idealen Laufradgröße für ein perfektes Allround-Rad. Es gibt gerade unter den Randonneuren eine wachsende Anhängerschaft von Laufrädern in der Größe 27,5″ bzw. 650b.

Diesen Laufrädern werden gerade für lange Strecken ideale Eigenschaften in Bezug auf Wendigkeit, Abrollverhalten und den möglichen Einsatz voluminöser Reifen zugeschrieben. Außerdem war diese Laufradgröße im Mutterland der Randonneure, in Frankreich, schon vor langer Zeit sehr populär.

Ich habe selbst bereits mehrfach mit dem 650b Laufradstandard experimentiert, vor allem beim Umbau klassischer Rennräder zu Randonneusen, und an anderer Stelle darüber berichtet.

Dennoch würde ich mich für meine Eierlegende Rollmichsau diesmal für 28 Zoll Laufräder entscheiden, einfach wegen der besseren Verfügbarkeit von Reifen und Felgen.

Langzeitprojekt ERS

Die Eierlegende Rollmichsau wird mich zukünftig als eine Art Langzeit-Projekt begleiten. Ich habe eine Menge Ideen dazu und auch schon ein paar mehr oder weniger klare Vorstellungen.

Gleichzeitig sind aber noch viele Fragen offen. Zum Beispiel die nach der idealen Bremse. Mit Cantilever-Bremsen und Renn-Bremshebeln habe ich bisher keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Scheibenbremsen hingegen neigen zu Schleif-Geräuschen und erfordern eine Festlegung auf einen extra dafür gefertigten Rahmen. Ein Wechsel zurück zur Felgenbremse ist dann nicht mehr möglich.

Auch das kontrovers diskutierte Thema der Beleuchtung mit oder ohne Dynamo ist sicherlich eine genauere Betrachtung wert.

Es gilt also noch einige Überlegungen anzustellen, Teilaspekte an anderen Rädern zu testen und Diskussionen mit Gleichgesinnten zu führen. Es wäre langweilig, wenn es anders wäre.

Bald mehr dazu!

Fortsetzung: Das perfekte Fahrrad – Die Eierlegende… Teil 2

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