Wir sehen uns in Gaiole

L’Eroica Gaiole 2018.

Vom Genuss des frisch gegrillten Bistecca alla Fiorentina zeugt nur noch ein knöcherner Rest auf meinem Teller. Die zwei italienischen Rennrad-Klassiker neben dem Esstisch (von Olympia und Drali) sowie die Wolltrikots der Gastgeber sorgen für Radsportatmosphäre im Wohnzimmer des toskanischen Landhauses, in dem wir heute Abend zu Gast sind.

Ein köstlicher Chianti (nell‘ arte Barone di Ricasoli) schmeichelt meinem Gaumen und sorgt zusammen mit der netten Gesellschaft für seelisches wie körperliches Wohlbefinden.

Es könnte mir gerade kaum besser gehen…

 

Krönender Saisonabschluss

Am frühen Donnerstag gegen 6 Uhr bin ich in der Nähe von München gestartet und komme nach gut 700 staufreien Kilometern am Nachmittag in Gaiole an.

Das italienische Dorf wirkt in Teilen noch verschlafen, in anderen herrscht bereits die große Betriebsamkeit, die das bevorstehende Festival für Rennradbegeisterte aus der ganzen Welt ankündigt, das am Wochenende hier stattfinden wird.

Im Nachhinein wird es diese besondere Atmosphäre des Donnerstags und auch des frühen Freitags noch sein, die bei mir diesmal besonders hängen bleibt. An diesen Tagen meint man erahnen zu können, wie es in früheren Jahren der Veranstaltung gewesen sein muss.

Der Erste Anlaufpunkt in Gaiole: die Jolly-Bar.

Schon auf dem obligatorischen Weg zur Jolly-Bar treffe ich die ersten Bekannten, die zwar selbst gerade von dort kommen, aber trotzdem noch einmal umdrehen und einen weiteren Cafe oder ein Bier mit mir trinken. Ich fühle mich sofort wieder zuhause.

Am Nebentisch sitzt Erik Zabel. Er wirkt sehr entspannt und scheint das jährliche Stelldichein der Rennradklassiker-Szene nicht weniger freudig zu erwarten wie wir.

Treffpunkt Jolly-Bar in Gaiole
Entspanntes Stelldichein in der Jolly-Bar

Ab jetzt wird sich unsere Welt für vier Tage um schöne Rennräder drehen, mit allem was sonst noch dazu gehört: edlen Komponenten, passender Kleidung und kulinarischen Köstlichkeiten. Ja, es geht auch ums Genießen.

Das Beste zu Beginn

Den ersten Abend verbringe ich zusammen mit alten und neuen Bekannten in einem privaten Landhaus in der Nähe von Gaiole, was für uns in diesem Fall eine gut 30-minütige Rumpelfahrt über ruppige Schotterstraßen bedeutet.

Aber die Strapazen für das arme Auto sind es wert. Wir freuen uns in den folgenden Stunden bei köstlichem Essen und nicht minder guten Getränken gemeinsam darüber, dass wir wieder dabei sind, beim jährlichen Treffen der Rennradverrückten, der Eroica in Gaiole.

Die richtige Streckenlänge

Die meisten, mit denen ich spreche, nehmen am Sonntag die mittleren 80 oder 130 Kilometer langen Strecken unter die Räder, statt der großen 209 Kilometer langen Runde, für die die Eroica eigentlich berühmt ist.

Auch die kürzeren Strecke versprechen ausreichend Strapazen für eine stolz geschwellte Brust. Im vergangenen Jahr war ich als Debütant wirklich überrascht von der Schwierigkeit der 130er Strecke (>>L’Eroica Gaiole 2017).

Historisches Mavic Service-Fahrzeug
Auch die Service-Fahrzeuge bei der Eroica sind historisch

Die 130er Runde gibt bietet dem erfahrenen Radtouristiker genug Raum, die Herausforderungen der Strecke in vollen Zügen auszukosten und ermöglicht einem trotzdem, die für ihre Vielfalt berühmten Verpflegungsstationen zu genießen.

Und hinterher zurück in der Jolly-Bar hat man so noch Zeit und Energie, das gemeinsam erlebte zu begießen und sich schon einmal für das kommende Jahr zu verabreden. Aus meiner Sicht die ideale Streckenlänge.

Teil des Rahmenprogramms: Klassentreffen

Bei meiner ersten Teilnahme im Vorjahr hatte ich mich in Unkenntnis des großen Rahmenprogramms vor allem auf die Ausfahrt am Sonntag konzentriert.

Dieses Mal wollte ich mir mehr Zeit nehmen für das große Angebot an alten Rennrädern und -teilen auf dem Markt. Außerdem sollten die letztjährigen Bekanntschaften gepflegt und ausgebaut werden, was im Grunde jedoch nebenbei geschah.

Gerade die wachsende Vernetzung sorgt fast unweigerlich dafür, dass der Spaß mit jedem Jahr wächst. Etwas, was den langjährigen Teilnehmern immer wieder anzumerken war.

Für viele ist die Eroica in Gaiole mittlerweile so etwas wie ein Klassentreffen.

Ich meine das schon nach der zweiten Teilnahme nachvollziehen zu können und frage mich, wie ich es zukünftig jemals schaffen soll, Anfang Oktober nicht hierher zu kommen.

Der Markt

Obwohl ich mich bedingt durch die frühe Anreise und das schlechte Wetter am Samstag fast zwei volle Tage immer wieder auf dem Markt herumtreiben konnte, habe ich außer einer schönen Merinojacke und einem Mitbringsel-Trikot für meinen Sohn wieder nichts gekauft.

Selten: Suntour Superbe Pro Naben bei der Eroica
Eine Seltenheit auf dem italienisch dominierten Markt: edle japanische Naben.

Dies lag zum einen daran, dass ich bei Rädern und Teilen (noch) nicht dem verbreiteten Italo-Trend verfallen bin (ich bin eben einfach anders), zum anderen aber auch – wahrscheinlich sogar mehr – daran, dass ich kurz vor der Eroica noch einen schicken Gitane Rahmen von 1981 ergattern konnte. So erfolgte die Anreise nach Italien gewissermaßen gesättigt.

Dennoch war ich diesmal mittendrin im Verkaufsgeschehen, da meine Begleiter vor Ort wesentlich offener waren für gute Geschäfte. Trotz des durchschnittlich eher hohen Preisniveaus konnten sie mit Geduld und Kenntnis auch ein paar schöne Einkäufe tätigen.

Main D'Or Rennrad aus den späten Sechziger Jahren
Belgisches Main D’Or Rennrad aus den späten Sechziger Jahren – der schöne Fang eines Bekannten.

Zusätzlich durfte ich als Zuschauer auch spontane Einkäufe der Art miterleben, die mein eigenes Budget für das Hobby bei weitem gesprengt hätten, anderen aber völlig schmerzfrei möglich waren.

Und es hat mir ehrlich Freude bereitet, das Leuchten in den Augen der glücklichen Käufer zu sehen, wenn das Traumrad der Jugend, oder auch nur des letzten Monats, so seinen neuen Besitzer fand. Man muss wirklich nicht immer selbst in diesen Genuss kommen.

Die Qual der Wahl

In den Monaten vor der Eroica war ich mir lange nicht sicher, welches Rennrad ich dieses Jahr mitnehmen würde, um damit am Sonntag über die Strade Bianche zu flitzen.

Ich hatte zunächst vor, mit meinem Gitane Super Olympic aus dem Jahr 1974 zu starten. Im Laufe des Frühjahrs hatte ich schon gut 500 Kilometer damit zurückgelegt, um mich daran zu gewöhnen.

Zwischendrin hatte ich immer wieder nachgebessert und neu justiert, ohne am Ende jedoch das Ergebnis zu erzielen, das ich brauche: Vertrauen und ein richtig gutes Gefühl mit dem Rad. Ein Quentchen fehlte einfach immer.

Gitane Super Olympic 1974 mit Shimano Dura Ace Black
Der ursprüngliche Kandidat: Gitane Super Olympic (1974)

Bei freihändiger Fahrt zog es auch zuletzt immer noch etwas nach rechts. Kein großes Problem wahrscheinlich, aber eines, das sich nicht einfach lösen ließ.

Je mehr ich mich dabei mit dem Rad beschäftigte, desto bewusster wurde mir die vergleichsweise lieblose und schlampige Verarbeitung dieses Rahmens. Irgendwann habe dann den Spaß daran verloren.

Centurion Professional

Über jeden Zweifel  erhaben präsentiert sich die Verarbeitungsqualität meines Centurion Professional aus dem Jahre 1980. Und so fiel mir die Entscheidung am Ende leicht.

Schon im Vorjahr hatte mich ein Centurion-Renner, mein zwei Jahre älteres und noch schöneres Semi Professional, klaglos über die Naturstraßen der Toskana getragen.

Centurion Professional bei L'Eroica Gaiole
Das Rad der Wahl für die Eroica 2018: Centurion Professional (1980)

Und auch dieses Jahr erwies sich das Auserwählte als würdig. Das Centurion brachte mich ohne Panne ins Ziel und bereitete mir unterwegs technisch und fahrdynamisch nur Freude.

Das Rad kam nie an seine Grenzen, ermunterte selbst auf Schotter zu flotter Fahrt und rollte lautlos und leicht über die wenigen Asphaltabschnitte.

Unterwegs auf den Strade Bianche
Unterwegs mit dem Centurion Professional auf den Strade Bianche.

Die Übersetzung hatte ich im Vergleich zum Vorjahr etwas entschärft, mit 40×28 als kleinster Übersetzung war ich ein gutes Stück komfortabler unterwegs als mit 42×26 im vergangenen Jahr.

Die Veloflex Master Reifen in 28er Breite hatten mir im Vorfeld ein wenig Kopfzerbrechen bereitet, da sie um einiges schmäler und weniger robust wirken als die  Panaracer Pasela PT, mit denen ich im Vorjahr so gute Erfahrungen gemacht hatte.

Letztlich meisterten aber auch die Veloflex Reifen die Strade Bianche ohne Schwächen und liefen auf Asphalt spürbar leichter als die profilierten Paselas im Vorjahr.

Raceday Mit Halsschmerzen

Doch zurück zum Wochenende in Gaiole. Das Finale steht an.

Monatelang habe ich mich auf den Ritt über die Strade Bianche am Sonntag gefreut, bin mehr als 700 Kilometer angereist und für 6:30 Uhr an der Jolly-Bar verabredet, um die Strecke gemeinsam mit Freunden unter die Reifen zu nehmen und dann – Halsschmerzen (!).

Schon am Vorabend spüre ich, dass eine Erkältung in unmittelbaren Anzug ist. Ich werfe notfallmäßig Vitamin C und allerlei pflanzliche Immunstimulatoren ein, aber es nicht mehr zu ändern.

Bereits ein paar Tage vor meiner Abreise wurden erst mein Sohn und am Abend davor auch noch meine Frau krank. Ich fuhr so nicht nur mit schlechtem Gewissen weg, sondern ahnte auch schon, dass es gesundheitlich eng werden könnte.

Der Regen und die vielen Stunden auf dem Teile-Markt am Samstag geben meinem Immunsystem dann wahrscheinlich den Rest.

Halbherziger Start

Nach einer halb durchwachten Nacht mit Halsschmerzen, in der ich mehrmals erwäge gar nicht anzutreten, stehe ich am Sonntag mißmutig am Start und warte auf meine Mitstreiter, die mich eine halbe Stunde später schon ziemlich abgebockt antreffen.

Wir verpassen den Start für die 130er Runde um zwanzig Minuten und ich gewöhne mich schon an den Gedanken, nur die 80er Runde zu fahren, aber wer braucht schon einen Startstempel. Vergleichsweise einsam machen wir uns auf die Reise.

Brolio in der Morgendämmerung
Auffahrt nach Brolio in der Morgendämmerung.

Die Auffahrt nach Brolio lassen wir ganz ruhig angehen und mein Puls bewegt sich zunächst im akzeptablen Bereich. Im ersten Schotterabschnitt bergab geht es mir dann auch noch wie im Vorjahr. Obwohl es heftig zu regnen beginnt, zaubern mir die ersten Schotterabschnitte ein Grinsen ins Gesicht.

Doch schon wenig später spüre ich, dass ich mit höherem Puls unterwegs bin als gerade noch bergauf – ein Gefühl wie im Koffeinrausch. Ich versuche mich selbst zu zügeln und die anderen warten mehrmals auf mich.

So kann ich unmöglich weitere 110 Kilometer absolvieren, deren Schwierigkeit mir im vergangenen Jahr selbst im gesunden Zustand alles abverlangt hatte.

Schmerzhafte Entscheidung

Kurz nach der Abzweigung mit der einzigen Chance auf die kürzere Runde abzubiegen, entscheide ich mich lieber 80 Kilometer allein und im Rentnertempo zu absolvieren, statt den restlichen Tag Angst um meinen Gesundheitszustand zu haben.

Eine schnelle Entscheidung, an der ich noch lange kaue.

Die Befahrbarkeit der Strade Bianche erweist sich Dank des Regens am frühen Morgen schließlich deutlich besser als im frisch aufgeschotterten und staubigen Zustand des Vorjahres.

Meine Halsschmerzen werden auch auf der verkürzten Runde nicht besser, aber in ruhigem Tempo und mit dem Wissen um die lösbare Aufgabe bringe ich die Runde gut zu Ende und habe am Ende sogar wieder etwas Spaß dabei.

Versöhnliches Finale

Die letzten 20 Kilometer fahre ich zusammen mit einem älteren, aber sehr erfahrenen Italiener im Schlepptau und wir versuchen uns immer wieder gestikulierend zu unterhalten – er spricht kein Wort Englisch oder gar Deutsch und ich nur wenige Brocken Italienisch.

So verstehe ich zumindest, dass er bereits ein knappes Dutzend Mal die lange Runde absolviert hat und sowas wie ein Stammgast bei der Eroica ist.

Auf der Zielgeraden legt er mir den Arm um die Schultern und wir fahren wie die Sieger einer großen Rundfahrt Arm in Arm ins Ziel – der schöne Abschluss eines Finales, das ganz anders verlief als geplant.

L'Eroica: So sehen Sieger aus.
Arm im Arm ins Ziel, nachdem wir lange zusammen gefahren sind.

Zwei Stunden später bin ich frisch geduscht auf dem Weg nach Hause. Einen Tag früher als geplant, aber die Aussicht auf eine Erkältungsnacht im Camping-Bus und das unerwartet frühe Finish zur Mittagszeit bewegen mich dazu, dass ich die Heimfahrt noch am gleichen Tag antrete.

Die gefürchtete Erkältungsnacht verbringe ich im heimischen Bett und schlafe unerwartet gut. Zuhause scheint die Sonne und eine Erkältung ist – wenn man nichts vorhat – eben nur eine Erkältung, und nicht etwa eine kleine Katastrophe wie noch wenige Stunden zuvor.

Wir sehen uns dann in Gaiole!

5 Antworten auf „Wir sehen uns in Gaiole“

  1. Hallo Sebastian,

    ganz herzlichen Dank für den tollen Bericht. Bei dem Olympia handelt es sich übrigens um ein von Silvio Billato gelötetes Modell Olympia Competizione Superleggera, das Drali ist ein Pokerissima.

    Ich habe mich über Euren Besuch und den schönen Abend sehr gefreut; ohne Euch wäre es nur halb so schön gewesen.

    Und selbstredend gibt es in 2019 die Fortsetzung; schön daß Du nun auch zum Inventar gehörst.

    LG aus Wien
    Rolf

    1. Lieber Rolf,

      vielen Dank für die Ergänzung zu den beiden Rädern. Das Olympia hat mir ganz besonders gut gefallen, so eines hätte ich selbst noch gern.

      Der Abend bei Euch war einfach nur schön, völlig entspannt und trotzdem so stilvoll. Eine bleibende Erinnerung!

      Ich freue mich schon auf hoffentlich noch viele Wiederholungen 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

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